
Im südlichen Rheinland gab es schon seit vorindustrieller Zeit die Tradition, Obst und Zuckerrüben einzukochen und einzudicken – zu Rüben-, Apfel-, Birnen oder Zwetschgenkraut, um die Früchte dauerhaft zu konservieren. Dieser süß-herbe Obst- oder Zuckerrübensirup galt daher als preiswerter Brotaufstrich und Süßungsmittel für arme Leute. Die Herstellung erfolgte zunächst meist im häuslichen Nebenerwerb, seit Mitte des 19. Jahrhundert kamen aber auch kleine Krautfabriken auf. Trotz der Nachfrageschwäche nach dem Krieg behauptete sich die Grafschafter Krautfabrik Josef Schmitz erfolgreich am Markt – dank kluger Marketingmaßnahmen und Übernahmen. Sie stellt nach wie vor das im Rheinland legendäre Rübenkraut unter der Marke „Grafschafter Goldsaft“ her.
Die Gegend rund um das Drachenfelser Ländchen, in dem viel Obst angebaut wurde, zählte zu den Hochburgen der Krautherstellung. In Niederbachem gab fünf Krautfabriken sowie weitere in Oberbachen, Berkum, Mehlem und Lannesdorf. Aber auch rechtsrheinisch wurde zum Beispiel in Eitorf oder Herchen bei Windeck Kraut in Fabriken hergestellt. Üblich war das Krautkochen auch am linken Niederrhein, im Bergischen Land, in Westfalen und in Ostbelgien.
Die Grafschafter Krautfabrik hatte der Landwirt Josef Schmitz 1893 in Meckenheim ursprünglich als Feldbrandziegelei gegründet. Damals gab es an den Rändern der Ortschaften und Städte etliche Ziegeleien, um den enormen Baustoffbedarf vor dem Ersten Weltkrieg mit lokalem Ton vor Ort zu decken. 1904 kam dann die Herstellung von Zuckerrübensirup hinzu. Gleichzeitig begann die Firma auch Fässer selbst zu fertigen, die für die Lagerung und den Versand des Krautsaftes erforderlich waren. Ab 1907 effektivierte der Bau eines Ringofens die Ziegelherstellung. Die Herstellung von Ziegeln und Fässern bot eine sinnvolle Beschäftigung für die Arbeiter außerhalb der lediglich drei Monate dauernden Kraut-Kampagne. In Krisenzeiten erwies es sich zudem als günstig, dass der Betrieb die Ziegel für Erweiterungsbauten selbst herstellen konnte.

Besonders in Not- und Kriegszeiten griff man wohl oder übel auf das Rübenkraut zurück, wenn Zucker knapp war. Aus diesem Grund wurde Rübenkraut häufig mit schwierigen Zeiten assoziiert und galt als tristes Ersatzprodukt. Die Krautfabrik kam 1953 auf die Idee, den dunklen und etwas düsteren Rübensirup in leuchtend gelben Bechern unter der Marke „Grafschafter Goldsaft“ zu vermarkten. Die Pappbecher waren leicht, praktisch und fielen im Regal ins Auge. 2017 wurde der Papp- zu einem Kunststoffbecher – allerdings weiterhin im klassisch goldgelben Design. Die Fassproduktion wurde mit der Umstellung auf kleine Verpackungseinheiten bereits 1955 eingestellt.

Die Krautfabrik bringt seit Jahrzehnten neben dem Rübenkraut auch verschiedene andere Obstdicksäfte auf den Markt. Die neuen Produkte entstanden hauptsächlich durch die Übernahme kleiner Krautfabriken aus dem Rheinland, Saarland und Belgien samt deren Spezialitäten.

Für den „Grafschafter Goldsaft“ werden Zuckerrüben aus einem Umkreis von 20 Kilometern verarbeitet. Im Herbst tuckern träge Trecker-Kolonnen samt hoch mit Früchten beladenen Hängern zur Krautfabrik in Meckenheim. Dort werden in der sogenannten „Kampagne“ von Mitte September bis Mitte Dezember die Rüben zügig zu Kraut verarbeitet. Die Produktion verläuft im Grunde ähnlich wie ehemals die häusliche Krautherstellung, nur im viel größeren Maßstab: Die Rüben werden gesäubert, gewaschen, gehäckselt, eingekocht, gefiltert und geschleudert. Der dabei entstehende Klarsaft wird abschließend erhitzt und eingedickt, bis er über 50 Prozent Zucker enthält und dickflüssig ist.

Rund 100 Agrarbetriebe aus der näheren Region belieferten 2024 die Grafschafter Krautfabrik. Pro Jahr wurden dort 50.000 Tonnen Rüben zu 13.000 Tonnen Rübensaft verarbeitet. Das Rübenkraut besteht tatsächlich zu 100 Prozent aus den heimischen Rüben – und aus sonst nichts. Und die Zuckerrüben werden vollständig verarbeitet. Auch wenn vor allem das Einkochen viel Energie erfordert, handelt es sich doch um ein ausgesprochen nachhaltiges Produkt: kurze Transportwege, keine Zusatzstoffe, Konsum nicht weit entfernt vom Produktionsstandort. Wer Süßes schätzt, muss also nicht unbedingt zu Ahornsirup greifen, der halb um die Welt reisen muss, um im Rheinland auf den Tisch zu kommen.
Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025
Adresse: Wormersdorfer Straße 22-26, Meckenheim
Mehr Informationen:
Hüllen, Frank: „Baachemer Krutt, datt modde ens probiere…“. Krautfabrikation im Drachenfelser Ländchen. In: Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises. 2011, S. 110-118
Grafschafter Krautfabrik Josef Schmitz. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-300121
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte: Film – Krautkochen [aus Obstfrüchten in Hombourg/ Belgien], 1980, https://www.youtube.com/watch?v=XpbAbo_A7PM
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte: Film – Industrielle Rübenkrautherstellung [Aufnahmen bei der Grafschafter Krautfabrik, Meckenheim], 1988, https://www.youtube.com/watch?v=aciPnxzIwiQ
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte: Film – Der Ringofen. Formen und Brennen von Ziegeln [Aufnahmen bei der Grafschafter Krautfabrik, Meckenheim], 1988, https://www.youtube.com/watch?v=ToQNMUtNA74

