In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Eitorf eine bescheidene Landgemeinde an der oberen Sieg. Allerdings gewann selbst in dieser agrarisch geprägten Region, weit entfernt von den größeren gewerblichen Zentren am Rhein oder im Siegerland, die Industrialisierung allmählich an Bedeutung. Bauliche Zeugen dieser Entwicklung sind zwei repräsentative Unternehmervillen, die ebenso gut am Rhein oder an der Ruhr stehen könnten: die Villa Gauhe (siehe Foto) und die Villa Boge.
In einem ländlichen Gebiet nördlich von Niederkassel gründete der Stinnes-Konzern 1912 ein neues Chemiewerk, die „Deutsche Wildermannwerke GmbH“. Die örtliche Bevölkerung in Lülsdorf und Ranzel war von einer Beschäftigung in der Chemiefabrik am Rheinnicht begeistert und bevorzugte weiterhin die Arbeit in der Landwirtschaft. Folglich mussten Arbeitskräfte aus dem weiteren Umfeld angeworben werden. Für die neue Belegschaft baute man gegenüber dem Chemiewerk eine Werkssiedlung für Angestellte und Arbeiter. Das gesamte Ensemble ist gut erhalten und besitzt viele Grün- und Freiflächen. Die Gebäude aus der Zeit zwischen 1913 und 1950 repräsentieren Stileinflüsse aus verschiedenen Epochen – und überzeugen trotzdem als architektonische und städtebauliche Einheit.
Unmittelbar vor den Werkstoren der späteren Mannstaedt-Werke entstand ab den 1890er Jahren ein neues Viertel, zunächst mit Verwaltungs- und Versorgungsbauten, ab 1912 auch mit Wohngebäuden für leitende Mitarbeiter, die sogenannten „Fabrikbeamten“. Daher stammt der Begriff „Beamten-Kolonie“. Das Ensemble wurde als erste der drei Siedlungen in Troisdorf unter Schutz gestellt, bietet anspruchsvollen Werkswohnungsbau, viele unterschiedliche Architekturen und ist insgesamt gut erhalten.
Soennecken dürfte als Firma für Schreibwaren und Bürobedarf jedem ein Begriff sein. Vielleicht nicht so bekannt ist die Tatsache, dass auch dieses große deutsche Unternehmen fast ein Jahrhundert lang in Bonn ansässig war. Hier erschuf der Gründer und Namensgeber Friedrich Soennecken, ein einfallsreicher Erfindergeist mit Sinn fürs Geschäft und die Bedürfnisse der Zeit, eine ganze Branche neu.
1836 ersteigerte der Kölner Bankier Wilhelm Ludwig Deichmann das bereits bestehende Landgut “Auerhof” in Mehlem, aus dem später das sogenannte „Schloss“ Deichmannsaue werden sollte. Die Familie des einflussreichen Bankiers beließ zunächst weitgehend den Baubestand und konzentrierte sich auf die Ausstattung eines spektakulären Landschaftsgartens. Wilhelm und seine Frau Elisabeth hatten dort viele Künstler, Wissenschaftler und illustre Gäste zu Besuch, die die besondere Lage des Auerhofes mit Blick auf den Drachenfels genossen. Das Ensemble blieb durch drei Generationen im Besitz der Familie Deichmann, deren Bankhaus über Jahrzehnte hinweg eine Schlüsselrolle in der Finanzierung der westdeutschen Industrie besaß. Die heutige Form erhielt das Anwesen 1910-1912 unter der Federführung des Bankiers Wilhelm Theodor von Deichmann. Heute wird der historische Gebäudebestand von Bundesämtern genutzt und ist von der Rheinpromenade gut zugänglich.
An der heutigen Kurfürstenallee (früher Kurfürstenstraße) liegen eine Reihe von Villen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts rheinischen Bankiers und Industriellen als Sommersitze dienten. Die Villen-Besitzer waren geschäftlich wie familiär eng miteinander vernetzt. Der Reiz der Lage bestand darin, dass es früher von hier aus einen freien Blick auf das Siebengebirge gab. Ab 1855 bot fußläufig der neue Godesberger Bahnhof einen unkomplizierten Anschluss nach Köln und in das ganze Rheinland.
Das sogenannte Haus Bachem am Königswinterer Marktplatz erinnert an die gleichnamige Steinhauerfamilie, die im Königswinterer Wirtschaftsleben des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte. Damit ist das denkmalgeschützte Gebäude eng verbunden mit der Geschichte des Steinabbaus im Siebengebirge und der lokalen Steinhauer-Gewerkschaft. Seit einigen Jahren nutzt die Stadt das repräsentative Haus Bachem als Amtssitz des Bürgermeisters, als Standesamt und für kulturelle Aktivitäten.
Der zweite Amtssitz des Bundespräsidenten geht im Kern auf ein kurz nach 1860 von dem Kaufmann Albrecht Troost errichtetes Gebäude zurück. Troost stammte aus einer Textilindustriellenfamilie aus Mülheim an der Ruhr. Später kaufte das Anwesen zunächst der Zuckerbaron Leopold König, dann der Textilfabrikant Rudolf Hammerschmidt. Die Anlage erlebte diverse Ausbauten und Erweiterungen, durch die sie zu einer der größten und spektakulärsten Unternehmer-Villen im Bonner Raum wurde.
Die sogenannte Hirschburg, etwas abseits von den Touristenströmen im Siebengebirge am Hang des Hirschbergs gelegen, ist eng verbunden mit einigen prominenten Namen der rheinischen Industriegeschichte. Zu den Eigentümern der pittoresken Anlage gehörten unter anderem die Kölner Unternehmerfamilie von Mallinckrodt, der Deutzer Großindustrielle Paul Charlier und ab den 1930er Jahren die Düsseldorfer Mannesmannröhren-Werke, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg als Erholungsheim für die Beschäftigten nutzten.
Die Villa Hüser repräsentiert einen bedeutenden Aspekt der Oberkasseler Industriegeschichte. Erbaut hatte sie 1857 der Fabrikant Hartwig Hüser (1834-1899), die heutige klassizistisch anmutende Form entstand durch einen Umbau vor dem Ersten Weltkrieg. Hüser war Gründer eines erfolgreichen Betonwerkes und damit neben der Oberkasseler Zementfabrik einer der größten Arbeitgeber in der Gemeinde. AlsMitbegründer des Deutschen Betonvereins war Hüser auch verbandspolitisch aktiv. Die Hüser Betonwerke wurden 1976 geschlossen; die einst umfangreichen Produktionsstätten sind nicht erhalten.
Im Norden Troisdorfs sind zwei imposante Villen erhalten, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg für die Gebrüder Karl und Ludwig Mannstaedt gebaut worden waren. Die Bauherren waren seit 1912 die geschäftsführenden Vorstände der Eisenhütte und des Walzwerkes bei Troisdorf – und die Söhne des Werksgründers Louis Mannstaedt.
Die klassizistische Villa am Rüngsdorfer Rheinufer, die Ludolf Camphausen (1803-1890) Ende der 1840er Jahre kaufte, ist eine der ältesten und schönsten Unternehmervillen am Rhein. Camphausen war Bankier in Köln und einer der bedeutenden Impulsgeber der Verkehrsentwicklung und des Eisenbahnbaus im Rheinland. Zugleich gehörte er zu den führenden Vertretern des rheinischen Liberalismus. Die wohlproportionierteArchitektur der Villa wurde nicht wesentlich verändert, so dass wir heute noch einen Eindruck erhalten, wie die Villa in der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat.
Die herrschaftliche Villa Langen, unmittelbar an der Friedrich-Wilhelms-Hütte gelegen, wurde um 1860 errichtet. Der Neubau ergänzte einen bereits vorher bestehenden Rundturm. Das Anwesen diente von 1844 bis 1868 Emil Langen, dem Generaldirektor des Werkes, und seiner Familie als Wohnsitz. Später wurde das Gebäude unter anderem als Verwaltung genutzt. Die abwechslungsreiche und effektvolle Architektur ist bis heute gut erhalten.
Die Villa an der Rüngsdorfer Rheinpromenade in der Nähe des Hotels Dreesen wurde 1902 nach Plänen des Architekten Ernst Eberhard Ihne für den Bankier Otto Deichmann (1838–1911) erbaut. Zugleich wurden die mächtige Stützmauer und eine Zufahrtsstraße von der Basteistraße aus angelegt. Nach dem Neubau des Hauptgebäudes folgten 1903 noch eine große Remise und ein Gewächshaus, beides entworfen von dem Godesberger Architekten Georg Westen. Die Villa ist von Rheinpromenade gut sichtbar.
Am westlichen Rand Friesdorfs liegt eine Villa, die sich in vielerlei Hinsicht von dem eher kleinteiligen Häuserpuzzle des Ortes unterscheidet. Ludwig Ferdinand Köhler (1783–1858), ein wohlhabender Bankier aus Elberfeld, kaufte 1818 das Gebäude, das zuvor ein Gasthaus gewesen war. Köhler war an dem Alaunabbau oberhalb von Friesdorf beteiligt. Er gab der Villa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre jetzige Gestalt. Bemerkenswert ist auch das kleine Mausoleum, das sich Köhler am Waldhang bauen ließ.
Im späten 19. Jahrhundert entstand nicht nur am Rheinufer der Stadt Königswinter, sondern auch außerhalb des Ortes an der Westseite der „Provincialstraße“ nach Niederdollendorf (heute ein Ortsteil von Königswinter) eine Reihe von repräsentativen Villen, die – ausreichendes Einkommen oder Vermögen vorausgesetzt – häufig als Sommer-Domizil genutzt wurden. Zu ihnen zählt die um 1878 errichtete Villa Rheinau, ein gutes Beispiel für den Bautypus eines spätklassizistischen Landhauses.
Am südlichen Ende der Bonner Rheinaue liegt unübersehbar ein burgartig anmutendes Gebäude-Ensemble, mit Türmen und Zinnen – das Haus Carstanjen, das allerdings erst um 1900 seine heutige, historisch anmutende Erscheinung erhielt. Kern der Anlage war ein ländliches Anwesen, das der Kölner Bankier Abraham Schaaffhausen Anfang des 19. Jahrhunderts erworben hatte, der eine bedeutende Rolle in der Finanzierung der rheinischen Frühindustrialisierung einnahm. Hier empfing ab 1824 die sogenannte “Rheingräfin”, Schaaffhausens selbstbewußte und unkonventionelle Tochter, Sybille Mertens-Schaffhausen, zahlreiche Gäste. Zum Ensemble gehören auch ein mächtiges Mausoleum und ein moderner Anbau aus den 1960er Jahren.
Ein besonderer Reiz der ehemaligen Villa Camphausen liegt etwas im Verborgenen – auf der Rückseite des Gebäudes. Dort erstreckt sich ein weitläufiger Park mit freiem Blick auf die andere Rheinseite und den Drachenfels. Das Gebäude geht vermutlich auf einen Bau aus den 1860er Jahren zurück und erhielt den Namen “Villa Bella Vista” wegen des einzigartigen Ausblicks. Der Kölner Bankier Arthur Camphausen brachte Anfang des 20. Jahrhunderts das Anwesen in die repräsentative Form, die weitgehend erhalten ist. Die spätklassizistische Villa wurde später erweitert, ist aber als Seniorenresidenz im Kern gut erhalten.
Eines der eindrucksvollsten Anwesen am rechten Rheinufer zwischen Königswinter und Bonn-Beuel ist die 1907 errichtete ehemalige Villa Vorster in Oberkassel mit ihrem weitläufigen Park. Auftraggeber des repräsentativen Gebäudes im englischen Landhausstil war der Kölner Unternehmer und Politiker Julius Vorster jun. (1845-1932). Seit 1886 war er verheiratet mit der Tochter des einflussreichen Zuckerfabrikanten Eugen Langen (1833-1895), dem Miterfinder des Ottomotors und Gründer der Gasmotorenfabrik Deutz.
In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Sommerresidenzen von wohlhabenden Unternehmern an der Kurfürstenallee entstanden auch „Am Kurpark“ Mitte des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Villen im klassizistischen Stil. Bauherren oder Besitzer waren reiche Industrielle aus dem Rheinland. Sie genossen hier die Nähe zum romantischen Rhein, die mit einem praktischem Bahnanschluss verbunden war. Die Zuckerfabrikanten-Familie Joest residierte hier, ebenso wie Gustav Mevissen, Präsident der Rheinischen Eisenbahngesellschaft undeine der Schlüsselfiguren der westdeutschen Industrialisierung. Godesberg war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rund um den heutigen Kurpark ein gesellschaftlicher Treffpunkt der rheinischen Wirtschaftselite.
Der historische Bahnhof ist nicht das einzige ungewöhnliche Bauwerk in Rolandseck. In unmittelbarer Nähe liegen einige spektakuläre Unternehmer- und Bankiersvillen – natürlich mit Rheinblick. Wir treffen hier auf Bauherren, deren Familien wir schon aus Godesberg und Mehlem kennen: vom Rath und Deichmann.
Braunkohletagebau – das verbinden wir im Rheinland heute vor allem mit dem großen Revier westlich von Köln. Im 19. Jahrhundert wurde aber auch in der Nähe von Bonn rege Braunkohle und Alaun abgebaut, so auch am Hang oberhalb von Friesdorf – bis Anfang der 1840er Jahre. Im ehemaligen Tagebaugebiet ließ 1898 Eugen Pfeifer, ein Gesellschafter der Zuckerfabriken Pfeifer & Langen, das schlossartige Haus Annaberg erbauen.
Wenn man auf der Bonner Rheinpromenade Richtung Süden spaziert, fallen oben auf der Stützmauer einige stattliche Villen ins Auge, die zum Teil von Unternehmern aus den Industriegebieten des Rheinlands erbaut wurden. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war dieses Gelände gänzlich unbebaut. Dann begannen einige Professoren der 1819 neu gegründeten Universität, hier großzügige Villen zu errichten. Mit dem Anschluss Bonns an die Bahnlinie nach Köln 1844 begann eine Phase des Zuzugs. Jetzt wurden am Rheinufer südlich von Bonn Zweitwohn- und Alterssitze von Unternehmern, Kaufleuten, Bankiers und sogenannten „Rentnern“ oder Rentiers errichtet, die ihr Geld in der Industrie, im Handel oder im Bankgeschäft in Köln, Aachen, im Ruhrgebiet oder gar in England oder Russland verdienten oder verdient hatten.