
In Roisdorf ist direkt am Bahnhof die eindrucksvolle Fassade einer Halle erhalten, in der seit 1929 der lokale Gemüseverkauf in Form einer Versteigerung organisiert wurde. Das Gebäude im expressionistischen Stil der 1920er Jahre wurde von einer Genossenschaft errichtet. Ihr Ziel war es, den kleinen Gemüsebaubetrieben die mühsame und lange Fahrten zu den Märkten in Köln und Bonn zu ersparen und ihnen den Verkauf von Obst und Gemüse zu erleichtern. Der Bahnanschluss ermöglichte auch die Belieferung der industriellen Zentren im Rhein-Ruhr-Gebiet.
Ursprünglich war der Osthang des Vorgebirges rund um Alfter und Bornheim eine Weinbauregion. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich stattdessen der Gemüse- und Obstanbau. Die meisten Erzeuger waren im landwirtschaftlichen Nebenerwerb tätig und bedienten zunächst eher den lokalen Bedarf. Der fruchtbare Lößboden und das milde Klima im Windschatten des Ville-Höhenzuges boten ideale Bedingungen. Mit der Industrialisierung und dem rasanten Wachstum der Städte stieg der Gemüse- und Obstbedarf. Die Bauern stellten sich auf die neue Nachfrage ein und intensivierten den Anbau.
1929 hieß es, die Gegend sei der „Garten der Stadt Köln und des Industriegebietes“ und der „Vorgebirgshang … eine grosse Gartenlandschaft“. Im Vorgebirge wurde Gemüse intensiv angebaut – oft mit drei Ernten pro Jahr. Ende der 1920er Jahre wird berichtet, dass in den vielen Kleinbetrieben mit Spaten und Hacke gearbeitet werde und dass die Gemüsebauern Eggen und Walzen selbst zogen. Transporte erfolgten mit Schubkarren oder Karren, die von Eseln oder Hunden gezogen wurden. Kleinstbetriebe, Eigenbesitz, Nebenerwerbstätigkeit, Einsatz sämtlicher Familienmitglieder und saisonal lange Arbeitszeiten waren die Grundlage für die intensive Ausnutzung des guten Bodens.
Anfänglich wurden die Waren auf Karren oder in Körben – meist von Frauen – auf langen Fußmärschen auf die Märkte in Köln und Bonn gebracht. Diese Gemüse-Karawanen machten sich tief in der Nacht auf den Weg, um pünktlich vor Ort zu sein. Erste Erleichterungen brachte seit 1898 die Vorgebirgsbahn, die zwischen Köln und Bonn verkehrte und im Gemüseanbaugebiet einige Haltepunkte anfuhr. Die Bahn besaß eine vierte Klasse für „Reisende mit Traglasten“; sie wurde auch „Kappesbuure-Bahn“ genannt. Die Fahrt zwischen Bonn und Köln dauerte allerdings immer noch zweieinhalb Stunden.
Die Marktgängerei blieb ein Problem. Sie war zeitaufwändig, anstrengend und kräfteraubend. Die Frauen fehlten zudem in den Familien und der Haus- und Landwirtschaft. Im Jahr 1920 wurde in Alfter die „Absatz- und Bezugsgenossenschaft Vorgebirge“ gegründet. Die zentrale Idee war, dass nicht mehr die Erzeugerinnen zu den Kunden gehen, sondern stattdessen Einkäufer direkt ins Produktionsgebiet kommen zu lassen. Zunächst gab es in Roisdorf einen Markt für Gemüse- und Obst-Einkäufer, die die Ware mit der Bahn auch über größere Distanzen bis ins Ruhrgebiet versandten. Eine 400 Meter lange Laderampe am Güterbahnhof in Sechtem erleichterte die Massenabfertigung ganzer Güterzüge für Obst und Gemüse.

Den entscheidenden Durchbruch brachte eine Versteigerungshalle nach niederländischem Vorbild, die die Genossenschaft in Roisdorf 1929 direkt an der Bahnstrecke erbauen ließ. Das als „Centralmarkt“ bezeichnete Gebäude erhielt eine moderne Backsteinfassade mit expressionischen Anklängen.
Historische Aufnahmen zeigen lange Schlangen von Wagen und Karren der Gemüsebauern am Halleneingang. Die Erzeuger präsentierten in einer Hallen-Durchfahrt ihre Ware – oft nur kleine Mengen. Eine elektrische Versteigerungsuhr zeigte den Startpreis und zählte dann rückwärts mit fortlaufend niedrigeren Beträgen. Sobald ein Käufer bot, stoppte sie beim aktuellen Preis. Damit war der Kauf vereinbart.
In der NS-Zeit wurde aus der freiwilligen Zulieferung die Zwangsverpflichtung, sämtliche Waren in die Versteigerung zu bringen. Das führte zu einer Steigerung der verkauften Mengen. In rascher Folge wurden in den 1930er Jahren weitere Hallen für die Lagerung, den Großhandel, für Leergut und für sogenannte Sammelstellen errichtet. Eine Neuerung bestand damals darin, dass Sammeltransporte die Produkte direkt bei den Herstellern abholten und sie zur Auktion brachten.

In der Nachkriegszeit wurde der Betrieb wieder auf freiwillige Zulieferung umgestellt. Die Genossenschaft investierte in neue Kühlhäuser, Sortieranlagen und Händlersitzplätze. 1955 bot die hörsaalartige Käufertribüne Platz für 160 Großhändler. Ende der 1960er Jahre lieferten insgesamt 3.500 Betriebe nach Roisdorf, darunter immer noch zahlreiche Nebenerwerbslandwirte. Der Absatz ging zu 70 Prozent ins Rhein- und Ruhrgebiet und zu 30 Prozent auch darüber hinaus nach Nord- und Süddeutschland und sogar nach Berlin.
Vor dem Krieg war noch ein Großteil der Ware per Bahn transportiert worden, in der Nachkriegszeit übernahmen LKW die Auslieferung. 2013 hieß es, dass pro Tag 1,5 Millionen Kilogramm Obst und Gemüse ausgeliefert werden konnten. Für die Abfuhr der Ware waren 100 LKW täglich erforderlich!

Seit den späten 1990er Jahren bestellten Handelsketten und Discounter im großen Umfang Obst und Gemüse zunehmend direkt im Internet- bzw. Telefonhandel und vereinbarten mehrtägige Abnahmezusagen und Preise. Durch diese Entwicklung mussten viele kleine Betriebe schließen, da sie nicht in der Lage waren, große Mengen zu liefern. Die Zahl der Großhändler mit Interesse an den Abenteuern einer täglichen Versteigerung sank – und die Durchfahrts-Versteigung wurde schließlich eingestellt. Der Centralmarkt verwandelte sich aus einer Versteigerungshalle in einem Umschlagplatz zwischen Erzeugern und Abnehmern. Dabei werden zunehmend auch Waren von weither angeliefert.
2004 kam es zu einer Fusion mit der Genossenschaft Landgard, die seitdem den Obst- und Gemüsevertrieb in Roisdorf organisiert. 2006 eröffnete Landgard in unmittelbarer Nachbarschaft ein neues Logistikzentrum mit 14.000 Quadratmetern Fläche, in denen 40 Lastkraftwagen gleichzeitig andocken können. Zum Teil werden einzelne Areale auch an weitere Betriebe – zum Beispiel Edeka – weitervermietet. Die Ware wird dort sortenspezifisch gelagert, gekühlt und zum Teil auch nachgereift. Die Versteigerungshalle wurde obsolet.


Das neue Logistikzentrum der Firma Landgard, das die Versteigerungshalle abgelöst hat.
2010 entbrannte eine Diskussion darüber, ob die historische Auktions-Halle unter Denkmalschutz gestellt werden solle. Die Roisdorfer Heimatfreunde plädierten für die Unterschutzstellung, weil sie in dem Gebäude ein wichtiges Zeugnis für die Bedeutung des Gemüsebaus im Vorgebirge – und damit für die Identität der Region sahen. Zugleich betonten sie zu Recht, dass der Bau keine einfache Zweckarchitektur sei, sondern „ambitionierte Repräsentationsarchitektur im Stil des Expressionismus, vergleichbar mit den damals errichteten Messehallen in Köln-Deutz oder den Hallen der Konservenfabrik Seidel in Sechtem.“ Die Denkmalpflege argumentierte hingegen, dass von der Halle nur noch die – inzwischen weiß überstrichene – Fassade übriggeblieben sei. Das historische Centralmarkt-Gebäude wurde nicht unter Schutz gestellt und dämmert funktionslos neben den neuen Hallen für den Warenumschlag vor sich hin.
Mitte der 2020er Jahre hatte die Stadt das Gelände aufgekauft, um das Umfeld des Bahnhofs neu zu gestalten und einen Park and Ride-Parkplatz einzurichten. Das Schicksal des historischen Centralmarktes ist offen. Erfreulich wäre ein Erhalt der geschichtsträchtigen Fassade – als architektonisch interessantes Zeugnis des lokalen Gemüse- und Obstbaus und des erfolgreichen Zusammenschlusses vieler Kleinbetriebe.
Wer sich ein Bild vom aktuellen Gemüsebau machen möchte, kann auf dem „Kappes-Weg“ wandern, den der Naturpark Rheinland am Vorgebirgsrand entwickelt hat. Die „Rheinische Apfelroute“ bietet Fahrrad-Tourenvorschläge für die Obstbauregionen rund um Meckenheim, Swisttal, Alfter und Bornheim. Bereits um 1900 fuhren Städter im Frühjahr übrigens gern „in die Baumblüte“ im Vorgebirge.
Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025
Adresse: Rosental, Bornheim-Roisdorf
Weitere Informationen:
Ellscheid, Clotilde: Das Vorgebirge. Ein Beitrag zur rheinischen Landeskunde. In: Verhandlungen des naturhistorischen Vereines der preussischen Rheinlande. Nr. 85, Dissertation, 1929
Lonnemann, Christian: Roisdorf – ein Wirtschaftsstandort am Vorgebirge im Wandel der Zeit. In: Ernst Gierlich / Harald Stadler (Hg.): 1113-2013. 9000 Jahre Roisdorf, Bornheim 2013, S. 73-89, online: http://www.heimatfreunde-roisdorf.com/geschichte/landwirtschaft-und-gewerbe/ein-erfolgreicher-wirtschaftsstandort/index.html
Kreis-Obst und Gemüseversteigerung „Vorgebirge” Roisdorf: Das fruchtbare Vorgebirge. 1920-1970. Roisdorf 1970
LVR-Institut für Landeskunde: Vom selben zwölf Kisten… Rheinisches Obst und Gemüse aus dem Centralmarkt Roisdorf, 2002, Film auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=MvEfwgRZtCI
Naturpark Rheinland: Kappesweg. Wandern im Vorgebirge, online: https://www.naturpark-rheinland.de/kappesweg
Rhein-Voreifel-Touristik: Die rheinische Apfelroute, online: https://www.rhein-voreifel-touristik.de/radfahren/rheinische-apfelroute

