
Dekor, Dekor, Dekor! Moderne Gläser sind eher puristisch. Und so staunt der Betrachter des Vitrinen-Reigens im Rheinbacher Glasmuseum nicht schlecht, dort eine Wunderkammer der Glasveredelungs-Technik zu entdecken. Zahlreiche aufwändige Verfahren wurden entwickelt, um Glas über die reine Transparenz hinaus zu gestalten. Der Reiz der Präsentation in Rheinbach besteht in einer großen Stilvielfalt von schönen, eleganten, raffinierten und üppig dekorierten, aber auch abstrakt-modernen Gläsern.

Das Museum hat den Anspruch, alle Varianten und künstlerischen Fertigkeiten der nordböhmischen Hohlglas-Veredelung zu aufzufächern. Gegliedert ist die Dauerausstellung klassisch nach Stilepochen: vom Barock über das Art Déco bis zum modernen Studioglas der Nachkriegszeit. Dabei spielen für die letzten Jahrzehnte auch Objekte aus Rheinbach eine wesentliche Rolle.

Denn die Stadt und das Umland wurden nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Neuansiedlung von böhmischen Glasfachleuten zu einem jungen Zentrum der Glasveredelung. 1947 siedelte das Land Nordrhein-Westfalen in Rheinbach, das damals zu 70 Prozent zerstört war, sudetendeutsche Glasfachleute aus der Tschechoslowakei an. Man hoffte auf eine „schornsteinlose Industrie“ und setzte darauf, dass die Glasherstellung gut mit der traditionellen Keramik-Tradition in der Region harmonieren würde.
Nordböhmen war seit dem 18. Jahrhundert ein Zentrum der Glasveredelung und berühmt für qualitätsvolle Gläser. Aus der Region um Steinschönau kamen in der Nachkriegszeit 300 Glasspezialisten in den Westen, darunter etliche Lehrer der renommierten Glasfachschule, die dort bereits seit 1856 existierte. Sie bildeten den Gründungsstamm der in Rheinbach 1948 neu ins Leben gerufenen Staatlichen Glasfachschule, die bis heute als Berufskolleg für Glas, Technik, Medien und Design fortbesteht und wesentlich zur Profilierung und Weiterentwicklung Rheinbachs als Glas-Stadt wurde.

Im Großraum Euskirchen-Rheinbach existierten 1958 mehrere Glashütten, 17 Glasveredelungsbetriebe und circa 15 Heimwerkstätten für das Schleifen, Ätzen, Bemalen und Gravieren von Glas. Insgesamt waren an die 1.500 Menschen in der Glasindustrie der Region tätig; wobei die Glashütten in Euskirchen die meisten Menschen beschäftigten. In Rheinbach reichte das Spektrum von einer größeren Lampen- und Leuchten-Fabrik (Firma Christoph Palme & Co.) über handwerklich arbeitende, kleinere Glasbearbeitungsbetriebe bis hin zum Glaskunstatelier. Die Glasveredelung, ein Schwerpunkt der Rheinbacher Glasverarbeitung, erlebte Anfang der 1960er Jahre ihren Höhepunkt – unter anderem mit der Herstellung von Souvenirs, aber auch mit dem Absatz von Dekorglas und aufwändigen Sonderanfertigungen. Hier war die Nähe zur Bundeshauptstadt mit ihren Ministerien und Botschaften förderlich.


Seit den 1970er Jahren hatte allerdings die lokale Glasveredelung mit Absatzrückgängen zu kämpfen. Der moderne Geschmack wandte sich von dekorreichen Gläsern ab. Auch der Markt für üppig dekorierte Souvenir- und Vereinsgläser brach ein. Man hatte zudem mit niedrigeren Löhnen im Ausland zu kämpfen und der Tatsache, dass es inzwischen billiger war, veredeltes Glas zu importieren als lokal zu bearbeiten. Zudem konnten inzwischen einige Veredelungstechniken wie das Schleifen und die Säurepolitur maschinell bewerkstelligt werden. Auch maschinell hergestelltes Pressglas erwies sich zunehmend als Konkurrenz für teure Tafel-Gläser.
Dadurch ging in Rheinbach die Produktion großer Serien eher zurück. Kleine Glaskunsthandwerksbetriebe und Glaskunstateliers erlebten hingegen einen gewissen Aufschwung durch die Absolventen der Glasfachschule. Viele eingesessene Betriebe schrumpften allerdings weiter, schafften die Übergabe an die nächste Generation nicht mehr oder stellten den Betrieb schlicht ein. Zudem erschwerte der attraktive Arbeitsmarkt der Bundeshauptstadt Bonn die Gewinnung von Nachwuchskräften.

Im Jahr 1968 initiierte der Verein „Freunde des edlen Glases“ die Gründung eines Glasmuseums in Rheinbach. Die Stadt Rheinbach übernahm 1980 die Trägerschaft, und seit 1989 präsentiert sich das Museum als wesentlicher Bestandteil des Bürger- und Kulturzentrums „Himmeroder Hof“. Das Haus verstand sich zunächst als „Spezialmuseum für nordböhmisches Hohlglas“, ergänzte aber später seine Sammlung und Präsentationen auch durch zeitgenössisches „Rheinbacher Glas“, also Objekte von Handwerkern und Künstlern aus dem Umkreis der Rheinbacher Glasschule. Eine weitere Öffnung des Spektrums ergab sich durch den weiteren Sammlungsschwerpunkt „internationales Studioglas“, in der Szene auch „New Glas“ genannt. Das Konzept des Studioglases verfolgt das Ziel, reine Glaskunst zu schaffen, indem zweckfreie und häufig auch abstrakte Glasobjekte gestaltet werden.

Ergänzt wird die Objektpräsentation des Museums seit 2006 durch die Möglichkeit eines Einblicks in eine Glaswerkstatt und -schleiferei. Seit 2020 begegnen den Gästen im Museum sieben nachempfundenen Personen, von denen sich die Besucherinnen und Besucher an Audiostationen Episoden aus der böhmischen Glasgeschichte erzählen lassen können: „Was hat Fürst Kinsky mit böhmischem Glas zu tun? Wer waren die Heimtragefrauen und warum brauchte man sie unbedingt für den reibungslosen Ablauf von Glasproduktion und -veredlung?“

Wenn diese Fragen geklärt sind, lohnt noch ein Besuch des Museumshops, der sich als Schaufenster für aktuelle Glaskunst aus der Region versteht. Ebenfalls im Kulturkomplex des „Himmeroder Hofes“ lädt in direkter Nachbarschaft eine sehenswerte Ausstellung zur Geschichte der Römischen Wasserleitung in der Region ein.

Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025
Weitere Informationen:
Fabritius, Ruth: 60 Jahre Glasfachschule, 40 Jahre Glasmuseum in Rheinbach. Katalog zur Ausstellung, Rheinbach 2008
Irmscher, Günther: Glasmuseum Rheinbach. Bestandskatalog 1, Köln 19952
Lassotta, Arnold: Die Glasindustrie: Eine Bereicherung der westdeutschen Wirtschaft, ca. 2006, https://web.archive.org/web/20160612151652/https:/www.lwl.org/LWL/Kultur/Aufbau_West/wiederaufbau/glasindustrie/glas
Rünger, Gabriele: Aufbau West – Die Ansiedlung der nordböhmischen Glasindustrie in Euskirchen und Umgebung. In: Internetportal Rheinische Geschichte, https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/aufbau-west—die-ansiedlung-der-nordboehmischen-glasindustrie-in-euskirchen-und-umgebung/DE-2086/lido/5f880dcebdac86.77927321
Sommer, Carmen: Die Geschichte der Haidaer-Steinschönauer Glasveredelungsindustrie und ihr Strukturwandel nach der Neuansiedlung im Raum Rheinbach, Dissertation, Bonn 1994

