
In den 1950/60er Jahren dürften die meisten Bahnreisenden mit dem Begriff „Schoeller Wolle“ vertraut gewesen sein: Kaum ein Bahnhof zwischen Nordsee und Alpen, an dem nicht die bunten Emailschilder für die Handstrickgarne des renommierten Eitorfer Unternehmens warben. Die Spinnerei an der Sieg war über Jahrzehnte einer der bedeutendsten Arbeitgeber in der strukturschwachen Region, bis die allgemeine Krise der deutschen Textilindustrie auch sie erfasste.
Die Anfänge des Betriebes gehen auf das Jahr 1888 zurück, als ein Fabrikant aus Sachsen in Eitorf eine Wollspinnerei gründete. Zu Beginn 20. Jahrhunderts wurde die Fabrikanlage von der bekannten Industriellenfamilie Schoeller aus Düren übernommen, die bereits ein vergleichbares Werk in Breslau besaß. Die beiden Unternehmen firmierten nun unter dem gemeinsamen Firmennamen „Schoeller’sche und Eitorfer Kammgarnspinnerei Aktiengesellschaft“. Nach der Aufgabe des Breslauer Werkes im Jahr 1925 wurde die Produktion von Handstrick- und Industriegarnen am Standort Eitorf konzentriert.


Große Bereiche der Werksanlagen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, der Wiederaufbau nach 1945 ging aber zügig vonstatten. In den folgenden Jahrzehnten des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders profitierte auch die Textilindustrie von dem allgemeinen ökonomischen Aufschwung und der wachsenden Kaufkraft der Bevölkerung. Aufgrund der sich verändernden Nachfrage verarbeitete das Unternehmen – seit 1971 unter dem Namen „Schoeller Eitorf AG“ – nun nicht allein Wolle, sondern auch Zellwolle und die modernen synthetische Fasern.

Obwohl die Produktion immer wieder modernisiert und technisch auf den aktuellen Stand gebracht worden war, musste die Herstellung von Handstrickgarnen Anfang der 1990er Jahre eingestellt werden, 2005 wurde auch die Produktion von Industriegarnen aufgegeben. Damit gingen in der strukturschwachen Region zwischen Bergischem Land und Westerwald Hunderte von Arbeitsplätzen verloren. Zeitweilig waren bei Schoeller über 1.000 Personen beschäftigt gewesen.

Zwei Großbrände in den Jahren 1926 und 1928 sowie die Kriegsverluste haben dazu geführt, dass kaum bauliche Relikte aus der Frühzeit des Unternehmens erhalten sind. Die weitläufigen Fabrikanlagen werden heute von verschiedenen kleineren Gewerbebetrieben genutzt.

Historisch bedeutend ist vor allem die Backstein-Werkshalle von 1890 am Rande des ehemaligen Fabrikhofes. Die auf private Initiative zurückgehende Idee, in dem stark sanierungsbedürftigen Gebäude ein Museum einzurichten, würde der (industrie-)historischen Bedeutung des Standortes gerecht, die Realisierung scheint allerdings nicht gesichert. Als denkbare Themen sind unter anderem die lokale wie die regionale Industriegeschichte sowie die Nutzung der Ressource Wasser im Gespräch – die Sieg verläuft immerhin direkt hinter der historischen Fabrikhalle und erinnert so an die zentrale Bedeutung des Standortfaktors Wasser gerade für die Entwicklung des Textilgewerbes.
Text und Fotos: Markus Krause, Stand 2024
Adressen: Spinnerweg 51-54, 53783 Eitorf; ehemaliges Mädchenheim (Jobcenter rhein-sieg): Spinnerweg 58
Weitere Informationen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schoeller%E2%80%99sche_Kammgarnspinnerei

