Töpferort Adendorf, Wachtberg

Adendorf brennt – hieß es früher. In zahlreichen Töpferöfen wurden seit Mitte des 18. Jahrhunderts graublaue Steinzeug-Gefäße gebrannt. Obwohl zunächst jedes Stück auf der Scheibe handgedreht wurde, gelang es den Adendorfer Töpfern, große Mengen herzustellen. Die größeren Betriebe nannten sich stolz Steinzeug-Fabriken – und legten Wert darauf, als Industrie- und nicht als Handwerksbetriebe bezeichnet zu werden. Insgesamt konnten im kleinen Adendorf 47 Produktionsstandorte nachgewiesen werden. In den 1960er und 1970er Jahren begann der Niedergang der Steinzeugindustrie. Heute gibt es noch drei Handwerksbetriebe und den Adendorfer „Töpferpfad“, der zu historischen Stätten der Tonverarbeitung führt.

Adendorf liegt im Bereich eines großen Tonvorkommens südwestlich von Bonn, das sich von Witterschlick/ Röttgen im Norden bis Ringen und Lantershofen im Süden des Töpferortes erstreckt. Der dort anstehende qualitätsvolle graue Ton führte dazu, dass in vielen Orten rund um Meckenheim Töpfereien entstanden. Die bis zu zwanzig Meter mächtige Tonschicht liegt acht bis zehn Meter unter der Erde. Der Tonabbau fand entweder im Tagebau oder in einem einfachen Stollenabbau untertage – ähnlich wie bei Witterschlick – statt.  

Tongrube Erhard bei Adendorf. Einblick von einer Aussichtplattform des Töpferpfades.

Den Anstoß für die Steinzeugherstellung im größeren Maßstab gab eine Initiative des Burgherrn von der Leyen, der es ab 1743 Töpferfamilien aus dem Westerwald ermöglichte, nach Adendorf zu ziehen und ihr Gewerbe dort zu betreiben. Im Westerwald herrschte wegen einer Vielzahl von Töpfereien ein harter Verdrängungswettkampf. In Adendorf konnten die zugewanderten Töpfer Brennholz aus dem Kottenforst verwenden und Salz für die Herstellung der Salzglasur von der „Holländischen Salzkompanie“ beziehen, an der von der Leyen beteiligt war. Im Vergleich zum Westerwald war es von Adendorf aus einfacher, die Kunden im Rheintal, in der Eifel und im Hunsrück zu erreichen. In guten Zeiten wurde das Adendorfer Steinzeug von Händlern weit über das Rheinland hinaus exportiert. In der Blütezeit um 1900 arbeiteten 130 Beschäftigte in 25 Betrieben und stellten pro Jahr um die 350.000 Stücke des Rheinischen Steinzeugs her. Es wurden also circa 1.000 Gefäße pro Tag produziert! Zum Teil war Akkordarbeit üblich.

Hergestellt wurde einfaches, meist grau-blaues Gebrauchsgeschirr, das robust und stoßfest war und durch die Salz-Glasur eine seidenmatte, leicht glänzende und farbschöne Oberfläche erhielt. Die Aufgaben waren klar verteilt: Die Frauen bemalten das naturgraue Geschirr mit schlichten kobaltblauen Motiven und befestigten anschließend die Henkel. Die Männer waren meist für das Töpfern und Brennen verantwortlich.

Graublaues Steinzeug-Gefäß nach traditioneller Art aus der aktuellen Produktion des „TonKwartiers“.

Die Adendorfer Betriebe produzierten wasser- und säurefeste Gefäße für den Einsatz im Alltag: Teller, Schüsseln, Tassen, Kannen, Krüge, Vorratstöpfe, Henkelflaschen für Mineralwasser, Waschschüsseln, Geflügeltränken, Kaninchentröge. Im 19. Jahrhundert spielten Gefäße für die häusliche Milchverarbeitung eine wichtige Rolle: Rahmtöpfe und Rahmhäfen, in denen die Milch vom Rahm getrennt, sowie Butterfässer, in denen der Rahm zu Butter geschlagen wurde.

Aufnahmen aus dem Film „Steinzeugtöpferei in Adendorf“ (1977) des LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte: 1: Bemalen / Blauen der Töpfe, 2: Einsetzten der Gefäße in den Ofen, 3: gestapelte Töpfe im Brennofen, 4: Flammen schlagen aus dem Langofen, 5: Salzen der Ware, 6: Fertige Ware. Wikimedia Commons, CC BY 3.0.

Das Beschicken der acht bis zwölf Meter langen Brennöfen war eine ebenso zeitaufwändige wie diffizile Aufgabe. Im Ofen wurden dicht an dicht Gefäße aufeinandergestapelt. Für einen Brand wurden gewaltige 25 Kubikmeter Brennholz benötigt, die herbeigeschafft, in eineinhalb Meter lange Holzscheite zerkleinert und in den Ofen geworfen werden mussten. Die Öfen wurden 40 bis 50 Stunden beheizt und erreichten eine Temperatur von 1.200 Grad. Die Ware glühte dann hellrot. In der Endphase wurde der Ofen noch einmal intensiv befeuert, Flammen schlugen aus den Löchern an der Decke. Dann wurden an die zwei Zentner Salz „in die Flamme“ geworfen, die dem Steinzeug eine haltbare Glasur verliehen – dabei entwich düsterer Rauch. Zur Bewältigung der großen Materialmengen waren nicht nur Töpfer tätig. Die Adendorfer Steinzeugindustrie beschäftigte auch Tongrubenarbeiter, Holzfäller und Fuhrleute, die die Rohstoffe und Fertigwaren zu befördern hatten.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verzeichnete die Töpferei bereits einen Rückgang. Die Konservenindustrie und Tiefkühltruhen erübrigten zunehmend die häusliche Vorratshaltung in Tontöpfen. Weck-Gläser und später auch Gefrierbeutel lösten die Steingutgefäße bei der Vorratshaltung ab. Als Essgeschirr wurde das edlere und inzwischen für alle erschwingliche Porzellan bevorzugt. Das traditionelle salzglasierte Steingut war als Massenartikel kaum noch gefragt.

Eine Schaufensterdekoration der Töpferei Günther zeigte 2021 die zwei Epochen der Produktion: im Hintergrund die Herstellung traditionellen Steinguts auf der Drehscheibe und im Vordergrund moderne Zier-Keramik.

Viele Töpfereien stellten den Betrieb früher oder später ein, zumal der Arbeitsmarkt im Bonner Raum attraktive und bequemere Arbeitsplätze bot. Manche Betriebe schwenkten aber auch auf Zier- und Gartenkeramik um. Davon künden heute noch die Schaufenster an der Töpferstraße, die erst in den 1960er und 1970er Jahren mit der Umstellung auf Dekorationskeramik und den Verkauf an Einzelkunden entstanden.

Schaufenster der ehemaligen Töpferei Giertz 2022 an der Töpferstraße. Der Betrieb hatte 2014 nach 267 Betriebsjahren die Produktion eingestellt.

2025 produzieren noch drei Handwerksbetriebe in Adendorf. Am Ortsende Richtung Meckenheim hat sich zudem ein Hersteller von modernen Blumenübertöpfen mit einem großen Werk etabliert: Soendgen-Keramik stellt in Adendorf und im benachbarten Gelsdorf pro Tag bis zu 130.000 Töpfe her und exportiert sie in 80 Länder. Der Betrieb entstand aus der 1893 gegründeten Töpferei Johann Peter Söndgen in Adendorf.

Tafeln auf den Bürgersteigen markieren die ehemaligen Töpfereistandorte.

2017 entstand eine Dokumentation aller Töpferwerkstätten Adendorfs. Es konnten 47 Standorte ausgemacht werden. Vor sämtlichen Töpfereien wurden kleine Tafeln in die Bürgersteige eingelassen, die bis heute verdeutlichen, wo überall in Adendorf Steinzeug hergestellt wurde. Von den Tontafeln und wenigen Schaufenstern mit Töpferwaren abgesehen ist allerdings von dem Boom der lokalen Steinzeugindustrie heute nicht mehr viel zu sehen.  Nur die großen Hof-Zufahrten zeugen von der ehemaligen Steinzeugproduktion. Denn die selbstgebauten Langöfen und die Werkstatt- und Trockenräume waren im rückwärtigen Bereich der Grundstücke zu finden – und sind heute meist umgenutzt oder beseitigt.

Ehemaliger Langofen der Töpferei Günther, heute TonKwartier.

Eine Ausnahme stellt der Kasseler Langofen im Hof der ehemaligen Töpferei Günther dar, die heute unter der Bezeichnung TonKwartier sowohl traditionelles graublaues Steinzeug als auch moderne Töpferwaren anbietet.

Stationen des Töpferpfades: 1: Nachbau Kasseler Langofen, 2: Aussichturm Tongrube Erhard, 3: Blick auf ehemaliges Abbaugebiet, 4: ehemaliger Untertage-Abbau.

Um die fast unsichtbar gewordene Töpfereigeschichte des Ortes nachvollziehbar zu machen, wurde 2009 ein „Töpferpfad“ eingerichtet. Er beginnt am Nachbau eines Kasseler Langofens am Dorfplatz in der Ortsmitte, der zum Martinsfest Ende des Jahres regelmäßig in Brand gesetzt wird (Titelbild). Die Rekonstruktion ist aber mit gut drei Metern Länge bei weitem nicht so groß wie die fast 30 Öfen, die früher in Adendorf brannten.

Station vier des „Töpferpfades“ zum historischen Untertage-Tonabbau. Über ehemaligen Tiefbauschächten haben sich Vertiefungen, sogenannte Pingen, gebildet. 1 und 2: Mulden über eingesackten Schächten, 3: Scherben in einer Grube: graublaues Steinzeug, darüber Distanzstücke, die beim Brand im Ofen zwischen den Töpfen eingesetzt wurden.

Am südlichen Ortsrand bietet ein Aussichtsturm einen kleinen Einblick in die letzte aktive Tongrube, die Grube Erhard. Und am westlichen Ortsrand verweisen zwei Schilder auf frühere Tonabbaugebiete aus dem 18. bis 20. Jahrhundert.

Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025

Adressen: Startpunkt  des „Töpferpfades“ und Nachbau Kasseler Langofen: Ecke Töpferstraße / Schützenstraße; „Tonkwartier“ mit historischem Langofen, salzglasiertem Steinzeug sowie aktuellen Tonwaren: Töpferstraße 25

Weitere Informationen:

Dohmen, Ursula / Müller, Franz / Perkams, Ursula / Rischmüller, Dirk: Die Adendorfer Töpfer im Wandel der Zeit, (Wachtberg) 1991

Euler, Margrit: Das Töpferhandwerk in Adendorf seit 1743. In: Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises, 2011, S.  90-98

Euler, Margit: Adendorfer Steinzeug. Töpfereibetriebe und ihre Erzeugnisse: Gebrauchsgeschirr und Zierkeramik, Siegburg 2017

LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte: Filmdokumentation: Steinzeugtöpferei in Adendorf.
Teil 1. Herrichten und Einräumen des Ofens (1977), Film bei Wikipedia,
https://de.wikipedia.org/wiki/Adendorf_(Wachtberg)
Teil 2. Brennen und Salzen. Ausräumen der Ware (1977), Film bei Wikipedia,
https://de.wikipedia.org/wiki/Adendorf_(Wachtberg)

Naturpark Rheinland Feuerroute: Töpferort Adendorf (2015), Film auf Youtube, https://www.youtube.com/watch?v=QQrhm8Gnp-k

TonKwartier / Töpferei Günther, Website: www.tonkwartier.de