
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Eitorf eine bescheidene Landgemeinde an der oberen Sieg. Allerdings gewann selbst in dieser agrarisch geprägten Region, weit entfernt von den größeren gewerblichen Zentren am Rhein oder im Siegerland, die Industrialisierung allmählich an Bedeutung. Bauliche Zeugen dieser Entwicklung sind zwei repräsentative Unternehmervillen, die ebenso gut am Rhein oder an der Ruhr stehen könnten: die Villa Gauhe (siehe Foto) und die Villa Boge.
Der aus dem Wuppertal stammende Textilindustrielle Julius Gauhe (1835-1912), der in Barmen eine Türkischrotfärberei besaß, gründete 1873 gemeinsam mit seinen Brüdern Fritz und Adolf Gauhe in Eitorf zunächst ein Unternehmen zur Herstellung von synthetischem Alizarin. Diese chemische Verbindung ist eine wesentliche Grundlage für die Herstellung von Türkischrot, das vor allem in der Textilindustrie Verwendung fand. In der Folge wurde der Barmer Färbereibetrieb 1879 nach Eitorf verlegt; 1909 wurde die Produktion eingestellt.

Dass die Türkischrotfärberei ein ausgesprochen profitabler Geschäftszweig war, bezeugt die ebenso stattliche wie pittoreske Villa im seinerzeit populären Heimatstil, die Julius Gauhe 1878 am östlichen Ortsausgang von Eitorf erbauen ließ. Mit dem gelungenen Zusammenspiel von Naturstein und Fachwerk, der abwechslungsreichen Dachlandschaft und dem stattlichen Turm erinnert sie an die Architektur vornehmer englischer Landsitze. Nach längerem Leerstand wird das Gebäude seit mehreren Jahrzehnten für soziale Zwecke genutzt.

Wie andere erfolgreiche Unternehmer seiner Generation fühlte sich Gauhe nicht nur seiner Firma, sondern auch seinen Beschäftigten und seiner Heimatgemeinde verpflichtet. So förderte er etwa den Bau von eigenen Häusern für die Betriebsangehörigen und spendete eine beträchtliche Summe für den Bau eines Krankenhauses.
Das lokale Pendant zur Villa Julius Gauhe ist die 1904 von Adolf Gauhe errichtete Villa Boge am westlichen Ortsausgang von Eitorf, direkt gegenüber dem Bahnhof auf einer leichten Anhöhe gelegen. Der stilistische Bezugspunkt ist hier die Schlossarchitektur der Renaissance, während die steilen Dächer, die abgetreppten Giebel und der schlanke helmgekrönte Turm im Sinne des romantischen Historismus an mittelalterliche Vorbilder erinnern – die Burgen am Rhein sind nicht allzu fern.

Nach dem Tod Adolf Gauhes wurde die Villa 1936 an den Unternehmer Adolf Boge (1874-1952) verkauft. Dieser hatte 1935 den offiziellen Sitz seiner vier Jahre zuvor gegründeten Firma Boge & Sohn KG, die vor allem durch die Entwicklung und Fertigung von Stoßdämpfern für Automobile bekannt wurde, von Bad Godesberg nach Eitorf verlegt. Produziert wurde in Bad Godesberg und an der Sieg. Die Verwaltung des expandierenden Unternehmens fand in dem nun Villa Boge genannten Anwesen Platz. Heute befindet sich das Baudenkmal in privatem Besitz.

Die Firma Boge entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem international bedeutenden Automobilzulieferer mit verschiedenen Standorten. Von der wirtschaftlichen Expansion profitierte auch das Eitorfer Werk, das wiederholt modernisiert und erweitert wurde. Nach einer wechselhaften Geschichte mit häufigen Eigentümerwechseln und Umstrukturierungen gehört der Standort Eitorf heute zu dem Konzern ZF Friedrichhafen AG. Im Zuge genereller Einspar- und Rationalisierungsmaßnahmen soll die Produktion an der Sieg voraussichtlich Ende des Jahres 2027 eingestellt werden.
Text und Fotos: Markus Krause, Stand 2024
Adressen: Villa Gauhe: Parkstraße 11, 53783 Eitorf; Villa Boge: Bahnhofstraße 33, 53783 Eitorf
Weitere Informationen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Gauhe
https://de.wikipedia.org/wiki/Boge_GmbH
Ersfeld, Hermann Josef: Eitorfer Bild-Chronik. Eitorf 1980
„ZF produziert Stoßdämpfer in Osteuropa“: General-Anzeiger Bonn, Ausgabe 03.04.2024

