
Der Bahnhof wurde 1880 gleichzeitig mit dem Bau der Bahnlinie Euskirchen-Bonn mitten in dem weitläufigen Kottenforst errichtet. Er unterscheidet sich durch seine Fachwerkkonstruktion und die helle Putzausfachung von den anderen Stationsgebäuden an der Strecke, die als Backsteinbauten ausgeführt wurden. Der besondere Reiz des Bahnhofs liegt in der Kombination von technischem Funktionsgebäude, historisierender Fachwerkidylle und ländlicher Atmosphäre. Das Empfangsgebäude ist – wenngleich um einige Anbauten erweitert – gut erhalten. Es wird heute als Gasthof genutzt und ist ein beliebtes Ausflugsziel am Wochenende.
Trotz der Fachwerk-Ästhetik sind gewisse Parallelen zu der sonst einheitlichen Gestaltung der Empfangsgebäude an der Strecke erkennbar: das Bauen in die Höhe, die großen Dachflächen und die Krüppelwalmdächer, die ähnlich auch in Rheinbach und Meckenheim zu finden sind.


Dem Architekten Johannes Richter gelang es, durch die Fachwerkbauweise das Gebäude der Umgebung anzupassen, sodass es zwar überraschend, aber nicht gänzlich fremd wirkt. Der Bahnhof harmoniert dank der Holzstruktur mit der von Wald geprägten Umgebung. Das Gebäude wird an zwei Giebelseiten nach oben hin breiter, kragt nach außen aus. Die Gestaltung greift hier auf ein Element der traditionellen Fachwerkbauweise zurück, das bereits im 16. Jahrhundert Anwendung fand und auch bei Fachwerkgebäuden der Region, zum Beispiel in Rheinbach, üblich war – ein Griff in Architektur-Baukiste der Vergangenheit. Auch die Krüppelwalmdächer – kleine Walmdansätze an drei Giebeln – sind ein historisches Zitat.

Aber warum baute man einen großen Bahnhof im dunklen Nichts des Waldes? Regelmäßiger Personenverkehr war hier nicht erwarten, weil in der näheren Umgebung kaum jemand wohnte. Es wird des Öfteren vermutet, dass der Bau in Zusammenhang mit Prinz Wilhelm von Preußen (1859-1941) stehe, dem späteren Kaiser Wilhelm II. Dieser studierte Ende der 1870er Jahre in Bonn und besuchte öfter zur Jagd den Kottenforst. Er verließ aber schon 1879 das Rheinland – also bevor das Gebäude überhaupt fertig gestellt wurde. Und es lassen sich auch für die späteren Jahre keine Besuche des Kaisers im Bahnhof Kottenforst nachweisen.
Da die Bahnanlage so ausgelegt war, dass auch Güter verladen werden konnten, ist eher zu vermuten, dass hier eine Möglichkeit geschaffen werden sollte, den Holzeinschlag abtransportieren zu können. Jedenfalls wird in einer Denkschrift von 1899 zum Bahnhof Witterschlick festgestellt, der benachbarte Bahnhof Kottenforst sei „lediglich im Interesse des Forstfiskus projectiert“ worden. Tatsächlich ist ab den 1890er Jahren eine von Pferden gezogene, fünf Kilometer lange Schmalspurbahn vom Schönwaldhaus, einem Forsthaus bei Villiprott, nachgewiesen, dazu eine sieben Kilometer lange Holz-Bahn vom Forsthaus Venne oberhalb von Godesberg. Eine weitere Schmalspurbahn mit Lokomotivbetrieb, die von Röttgen aus quer durch den Kottenforst zum Bahnhof führte, diente zum Abtransport des dort gewonnenen Tons. Die Bahnen hatten den Vorzug, dass auf dem Hochrücken des Kottenforsts kaum Höhenunterschiede zu überwinden waren. Eine etwas längere Strecke fiel da wohl weniger ins Gewicht.
Seit 1904 befand sich gegenüber dem Bahnhof (heute im Bereich des Neubaugebiets) zudem ein Dampf-Sägewerk, das bis 1966 den lokalen Holzeinschlag an Ort und Stelle verarbeitete. Tatsächlich hat sich der Kottenforster Bahnhof also vor allem als Holz- und Güterbahnhof bewährt.

Die romantisierende Architektur verweist aber auf eine noch andere Funktion – als Ausflugsdestination. Schon um 1900 gab es direkt am Empfangsgebäude eine Gartenwirtschaft, die eine Attraktion für Wanderer und Landpartien war. Möglicherweise war der Bahnhof von Beginn an auch für solcherart Freizeitvergnügen gedacht gewesen. Jedenfalls zeigen frühe Postkarten Anlagen für die Außengastronomie – und zahlreiche Besucherinnen und Besucher.

Bis in die Gegenwart findet die ungewöhnliche Architektur viel Resonanz. Das Empfangsgebäude wird in der Eisenbahnliteratur als einer „schönsten Bahnhöfe Deutschlands“ bezeichnet. Von der schwäbischen Firma „Kibri“ gab es einen beliebten Modellbausatz des Gebäudes. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ würdigte den Bahnhof 2006 als „Märchenfachwerk im Wald“ und schilderte ihn als „pittoresken Bau, hochgetürmtes Fachwerk, dreigeschossig bis ans Kreuzdach, Krüppelwalm mit Kranzgesims“.

Die „Welt“ sprach 2009 etwas flapsiger von einem „Wirtshaus mit Gleisanschluss“ und nannte das Empfangsgebäude einen „vergessenen Halt im Wald“. Damit hatte sie nicht ganz unrecht, denn Züge halten hier nur noch am Wochenende. Das Holz wird schon seit langem mit Lastkraftwagen und Tiefladern aus dem Wald gekarrt – und die S-Bahn rauscht an Werktagen am Bahnhof vorbei.
Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025
Weitere Informationen:
Harzem, Jochen: Die Röttgener Tongrubenbahn: “loß mer et Bähnche fahre”. In: Köln-Bonner Verkehrsmagazin, 2013, S. 70-76
Kemp, Klaus: Die Waldbahn: ein längst vergessener „Anschluss“ an den Bahnhof. In: Köln-Bonner Verkehrsmagazin, 2010, S. 46-47
Stern, Volkhard: Der Bahnhof Kottenforst: ein Schmuckstück steht im Walde. In: Köln-Bonner Verkehrsmagazin, 2009, S. 18-21

