Lederfabrik Gammersbach, Bornheim-Roisdorf

In Roisdorf ist etwas versteckt ein Gebäudeensemble der ehemaligen Lederfabrik Gammersbach zu entdecken. Die Gerberei und Fabrik produzierte vom Anfang der 1850er Jahre bis 1953 verschiedene Zivil- und Militärartikel aus Leder. Sie beschäftigte zeitweise über 300 Personen auf einem umfangreichen Fabrikareal und war damit einer der bedeutendsten Betriebe im ländlichen Umfeld Bonns. Zwei Hochbauten und die charakteristische Straßenfassade zur Brunnenallee sind relativ unverändert erhalten. Das Ensemble ist gutes Beispiel dafür, wie ein bedeutender Industriekomplex unprätentiös erhalten werden kann.

In den Räumen des ehemaligen Kurhauses Roisdorf nahm um 1850 eine Lederfabrik die Produktion auf, genauer gesagt die „Gerberei, Lackleder- und Militäreffektenfabrik Gammersbach“. Sicherlich war die Nähe zur Bahn der Grund für die Ansiedelung, schließlich besaß Roisdorf seit 1844 einen Bahnhof. Die Fabrik stellte verschiedene Artikel aus Leder her, zum Beispiel Militärhelme, Taschen und Koffer.

Darstellung der Lederfabrik Gammersbach, ca. 1880er Jahre. Das große Gebäude rechts mit Fahnen und Walmdach war bis Ende der 1840er Jahre das Kurhaus. Im Vordergrund werden Häute gestreckt und getrocknet. Heimatfreunde Roisdorf e.V.

Es ist erstaunlich, dass die Lederfabrik ihren Standort im Ort selbst und in unmittelbarer Nähe zur Kurquelle wählte. Schließlich war die Gerberei in der Regel mit Geruch und Gestank verbunden. Ein vergleichbarer Betrieb, die Lacklederfabrik Jaeger, wurde 1880 aus diesem Grunde zwei Kilometer vor der Stadt Bonn angesiedelt.

Die Roisdorfer „Fabrik floriert nach allen Seiten hin“ berichtete ein Ortschronist. Sie beschäftigte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über 300 Arbeiter und sorgte gemeinsam mit dem Abfüllbetrieb des benachbarten Roisdorfer Mineralbrunnens dafür, dass Roisdorf seine Einwohnzahl von 610 im Jahr 1844 bis 1885 fast verdoppelte und bis 1905 knapp verdreifachte. Aus dem vornehmen Kurort Roisdorf wurde ein ausgesprochenes Industrie- und Arbeiterdorf. Die Lederfabrik belieferte Großabnehmer wie die Kaufhäuser Tietz und Wertheim und das Militär. Historische Ansichten zeigen, dass die Fabrik schnell expandierte und stattliche Produktionshallen errichtete.

Luftbild von Westen, 1950er Jahre. Bis auf den Schornstein und das Gebäude am Schornstein (möglicherweise das Kessel- und Maschinenhaus) ist das gesamte Ensemble der Lederfabrik erhalten. Im Hintergrund die Auktionshalle des Centralmarktes. Heimatfreunde Roisdorf e.V.

Die erfolgreiche Entwicklung hielt auch nach dem Ersten Weltkrieg an. 1935 wird berichtet, dass die Fabrik 325 Arbeiter beschäftige, weiterhin eine eigene Gerberei betreibe und sich auf „Lackleder, Vachetten, Mützenschirme, Aktenmappen, Stadtkoffer und Stuhlsitze spezialisiert“ habe. Vachette-Leder ist ein weiches, dünnes Rindsleder, das in der Taschen- und Möbelherstellung verwandt wurde.

Die Fabrikgebäude ereilte keine durchgreifende Modernisierung. Dadurch präsentieren sich Teile des Ensembles wie in einem Dornröschen-Schlaf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Betrieb nicht mehr an den früheren Erfolg anknüpfen. 1951 gab es eine Entlassungswelle, 1953 wurde die Lederfabrik geschlossen, die lange den Ort dominiert hatte. Immerhin blieb das Firmengelände an der Brunnenallee weitgehend (aber nicht vollständig) erhalten und zeugt bis heute von der Geschichte des einstmals bedeutenden Fabrikkomplexes.

Fabrikgebäude der Lederfabrik Gammersbach aus der Zeit um 1880, seit 1982 von Künstlerinnen und Künstlern als „Atelierhaus Roisdorf“, ab 2004 als „Kunsthaus Köln/Bonn“ genutzt.

Erhalten ist auch die Villa Gammersbach, die sich gegenüber dem Fabrikareal in der Brunnenstraße (Hausnummer 30) befindet. Sie allerdings allerdings nahzu unsichtbar hinter Zaun und Hecke versteckt.

Die erhaltenen Produktionsräume wurden in der Folge zu verschieden Zwecken genutzt, als Lager, als Produktionsstätte, als Verkaufsflächen und als Atelierräume. Ab Mitte der 1950er Jahre wurden in einem der Gebäude unter anderem mechanische Rechenmaschinen der Marke „Summira“ hergestellt. Die Firma warb mit dem Slogan: „Wer Summira hat probiert, niemals mehr im Kopf addiert“.

Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025

Adresse: Ecke Friedrichstraße / Brunnenallee, Bornheim-Roisdorf, Zugang u.a. zwischen Brunnenallee 31b und 35

Weitere Informationen:

Lonnemann, Christian: Roisdorf – ein Wirtschaftsstandort am Vorgebirge im Wandel der Zeit. In: Ernst Gierlich / Harald Stadler (Hg.): 1113-2013. 900 Jahre Roisdorf, Bornheim 2013, S. 73-89, online http://www.heimatfreunde-roisdorf.com/geschichte/landwirtschaft-und-gewerbe/ein-erfolgreicher-wirtschaftsstandort/index.html

Heimatfreunde Roisdorf: Gustav Adolf Gammersbachs verregnetes Begräbnis, online: http://www.heimatfreunde-roisdorf.com/geschichte/fundstuecke/das-feierliche-begraebnis-des-gustav-gammersbach/index.html