Rote Kolonie, Troisdorf

Aufgrund der Übernahme der Friedrich-Wilhelms-Hütte durch die Mannstaedt-Werke und die Verlagerung des kompletten Walzwerkes von Köln-Deutz an die Sieg 1913 entstand dort großer Wohnraumbedarf. Daher ließ das Unternehmen eine neue Siedlung errichten, um die Facharbeiter und deren Familien aus Köln in der Nähe des neuen Werkes unterzubringen. Die dorfähnliche Anlage orientiert sich am Ideal der malerischen Gartenstadt, weist eine abwechslungsreiche Architektur, umfangreiche Grünflächen und zwei individuell gestaltete Plätze auf. Die Siedlung ist nahezu vollständig erhalten und inzwischen wieder in einem sehenswerten Zustand.

Der Bau der Kolonie „Neu-Kalk“ wurde 1912-13 – gleichzeitig mit der Errichtung der Schwarzen Kolonie – auf unbebautem Ackerland nach Plänen des Dortmunder Architekturbüros Dietrich und Karl Schulze realisiert. Baumaterialien waren Schlackenzement und Schlackensteine aus eigener Produktion der Mannstaedt-Werke, die damit Abfallprodukte der Hütte nutzten. Wegen der auffälligen roten Dachziegel und der abwechslungsreichen Dachlandschaft erhielt die Siedlung im Volksmund den Namen „Rote Kolonie“. Die Siedlung bestand aus 64 Gebäuden mit insgesamt 176 Wohnungen.

Doppelwohnhäuser an der Moselstraße.

Im Wesentlichen gab es zwei Grundtypen von Doppelwohnhäusern mit drei oder vier Räumen. Jedes Doppelwohnhaus war mittig geteilt und bot zwei Parteien in symmetrisch aufgebauten Hälften Platz. Die parallel zur Straße stehenden Gebäude boten im Erdgeschoss Wohnküche, Waschküche, Toilette, Stall und einen Wohnraum. Im Obergeschoß befanden sich zwei oder drei Räume. Daneben gab es Häuser, die mit dem Giebel zur Straße standen. Sie waren kleiner und verfügten neben den Funktionsräumen im Erdgeschoss über keinen weiteren Wohnraum, sondern lediglich über zwei Zimmer im Obergeschoss.

Die Gestaltung der Siedlung ist von den Grundideen der Reformarchitektur jener Zeit inspiriert, die funktionale Modernität und Tradition zu verbinden suchte: Die Außengestaltung und Fassaden sind einfach und schlicht gehalten. Viel Wert wurde hingegen auf ein zweckdienliches und modernes Innenleben gelegt. Es gab Strom und Licht, fließend kaltes und warmes Wasser, Toiletten mit Wasserspülung und einen Badetrog. Ein Kachelofen heizte über ein Leitungssystem weitere Räume.

Seriell angeordnete Doppelwohnhäuser in der Roonstraße.
Gruppenhaus in der Oberlarer Straße.

Die Raffinesse der Gestaltung lag nicht in Äußerlichkeiten und Zierrat, sondern in einer wohldurchdachten Proportionierung und Variation der Hausformen. Großen Einfluss hat dabei der Einsatz traditioneller Dachformen: Die leuchtend roten Sattel-, Mansard-, und Walmdächer kombiniert mit markanten Giebeln an den Traufseiten prägen die Anmutung der Siedlung und vermitteln eine behagliche und wohnliche Athmosphäre. Identische Doppelhaustypen wurden verschiedentlich seriell aneinandergereiht und oder verbunden – wodurch interessante Ensembles und Variationen enstanden. Außer den freistehenden Doppelhäusern wurden auch Reihenhäuser errichtet, deren Enden durch hohe Mansarddächer und vorspringende Seitengiebel akzentuiert wurden. So erzeugte die Kombination weniger Grundelemente an den sanft geschwungenen Straßen und Plätzen eine faszinierende bauliche Vielfalt mit malerischen Szenerien.

Regelmäßig wiederkehrende Gestaltungselemente waren neben den roten Dachziegeln der helle Putz, grüne Fensterläden und Türen und durch Rundbögen akzentuierte Eingangs-Bereiche. Dadurch behielt die Siedlung bei allem Variantenreichtum und kreativer Baugestaltung ein identitätstiftendes Erscheinungsbild.

Familien in der Roten Kolonie, 1914 und 1920er Jahre. Sammlung Blotevogel, Troisdorf.

Die Gebäude waren in der Regel dicht an der Straße gruppiert, um im Rückraum möglichst große Gärten zu ermöglichen. Vor den Häusern gab es früher Hausbäume oder kleine Vorgärten, die inzwischen meist vollständig gepflastert sind, um Parkraum zu schaffen.

Zeppelinplatz mit Rundbögen.  

Hinter den Häusern lagen 200 bis 500 Quadratmeter große Gärten für jede Wohnpartei. Diese verbinden sich zu ausgedehnten Grün- und Gartenlandschaften im Rückraum der Bebauung. Sie tragen wesentlich zur hohen Wohnqualität der Siedlung bei. Die Städter aus Köln sollen zunächst über die Kleintierställe, den Heuspeicher im Haus und die großen Gärten gestaunt haben. Aber der erste Weltkrieg lehrte sie schnell, dass Selbstversorgung Sinn macht und für gefüllte Mägen sorgen kann.

Etagenwohnhäuser am Bismarckplatz – mit kleinstädtischer Anmutung.

Die Siedlung wird durch zwei bemerkenswerte Plätze geprägt. Am Zeppelinplatz sorgen Rundbögen, die die Häuser rund um eine Grünfläche verbinden, für eine atriumartige Innenhof-Athmosphäre. Am Bismarckplatz mit kleinstädtischer Anmutung rahmen mehrstöckige Mehrfamilienhäuser eine größere Freifläche, die früher begrünt war. Im Mittelpunkt des Ensembles steht dort die ehemalige „Kleinkinder-Schule“ – damals wie heute ein Kindergarten.

Die Kleinkinder-Schule am Bismarckplatz ist repräsentativ gestaltet – und doch als Bestandteil der Roten Kolonie unschwer erkennbar.

Der Abschiedsschmerz und die ungewohnt-provinzielle Umgebung waren für viele Neu-Kolonisten anfänglich schwer zu ertragen. Viele sollen häufig mit zu Besuchen nach Köln, in die alte „Heimat“ gefahren sein, um Freunde zu sehen oder um mal richtig einzukaufen. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich aber eine starke Verbundenheit mit der Siedlung herausgebildet.  Berichtet wird über einen sehr engen sozialen Zusammenhalt in der Siedlung. Man traf sich vor den Häusern, man kannte und kebbelte sich, man half sich, man feierte zusammen.

Während die Siedlung in den 1970er und 1980er Jahren an Attraktivität verlor und einen etwas heruntergekommenen Eindruck machte, ist heute das Bemühen spürbar, das ursprüngliche Erscheinungsbild wieder herzustellen. Wichtige Meilensteine für die Rückbesinnung auf die Ursprünge waren „runde Geburtstage“ der Siedlung 1988 und 2013. In der Gegenwart heben mediale Beiträge von Christine Siefer und Dirk Blotevogel, die beide in der Siedlung wohnen, die Geschichte der Roten Kolonie ins Bewußtsein.

Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025

Adressen: Zwischen Am Bergacker, Hans-Böckler-Straße, Bismarck- und Moselstraße, Troisdorf-West. Zentrale Plätze: Bismarckplatz, Zeppelinplatz

Weitere Informationen:

Blotevogel, Dirk (Hg.): 100 Jahre Rote Kolonie Troisdorf – 1913-2013, Troisdorf 2013

Blotevogel, Dirk: Rote Kolonie Troisdorf (Film zur Geschichte der Siedlung, 2024): https://www.youtube.com/watch?v=BkOSjkfDqFs

Fuchs, Julia: Das Gartenstadtkonzept des Ebenezer Howard und die „Rote Kolonie“ / „Kasinoviertel“ in Troisdorf, Veröffentlichungen des Heimat- und Geschichtsvereins Troisdorf, Heft 9, Troisdorf 1996

Hönscheid, Rolf:  Rote Kolonie. In: Troisdorfer Jahreshefte 1979, S. 3–21

Kierdorf, Alexander: Werkssiedlung Rote Kolonie (ehemals Neu-Kalk), 1912-1913, Troisdorf-Sieglar, 1912-1913. In: Buschmann et al.: Siedlungen in Nordrhein-Westfalen. Rheinschiene. Band 2. Petersberg 2020, S. 1254-1260

Christine Siefer: Rote Kolonie Troisdorf, Website zur Siedlung mit Geschichten, Interviews und Impressionen zur Siedlung, 2024, https://rote-kolonie.de/