Servais-Werke / Deutsche Steinzeug, Alfter-Witterschlick

1890 nahm das „Thonwerk Witterschlick, Servais & Co“ die Produktion von Tonröhren, Steinzeug und feuerfester Keramik auf. Die Firma betrieb seit 1885 bereits eine Tongrube. Über dem tief in der Erde liegenden, besonders wertvollen Blauton, der damals bevorzugt abgebaut wurde, standen andere, magerere Tonschichten an. Deren Transport lohnte sich weniger, aber eine Verarbeitung vor Ort sehr wohl. Die Nähe zu den Tongruben, aber auch zu den großen städtischen Zentren des Rheinlands erschien reizvoll. Daher kam es zur Gründung der Fabrik in Witterschlick, die schnell zu einem Großbetrieb heranwachsen sollte und bis heute das Ortsbild bestimmt.

1902 wurden bereits 350 Beschäftigte gezählt. Die Tonwerke setzten sich für den Bau des Bahnhofs in Witterschlick ein, der 1903 in direkter Nachbarschaft zu den Werksanlagen erfolgte, und unterstützten dessen Bau auch finanziell. Seit 1905 wurden auch sogenannte Wandplatten hergestellt, heute würde man von Fliesen sprechen. Der Ton wurde in einer Tagebaugrube zwischen Witterschlick und Heidgen östlich der Bahnlinie gewonnen. Ein Feldbahngleis überquerte vom Werk aus mit einer eigenen Brücke die Voreifelbahn und führte dann parallel zur Bahnlinie nach Süden zur Grube.

Fabrik in ländlicher Umgebung: Die Tonwerke Witterschlick um 1900, kolorierte Fotografie, aus: Herbert Weffer: Westlich von Bonn.  Bonn 2000, S. 96.

Im ersten Weltkrieg wurden für die Rüstungsproduktion vor allem feuerfeste Schamottsteine produziert. 1939 erfolgte Übernahme der Firma durch die Porzellan- und Steingutfabrik Ludwig Wessel in Bonn-Poppelsdorf. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Werk komplett zerstört. Daher sind auch keine Gebäude aus der Gründungsphase mehr zu finden.

Nachkriegsarchitektur: Pförtnerhäuschen und Verwaltung der Steinzeugwerke an der Servaisstraße.

Der Wiederaufbau in der Nachkriegszeit erfolgte zügig. Denn der Wirtschaftswunder-Boom und rege Wohnungsbau in Westdeutschland sorgten für einen steigenden Absatz von Boden- und Wandfliesen. Neubau oder Altbau – neuer Standard war ein Badezimmer mit großen Fliesenflächen. Die Belegschaft der Servais-Werke verdoppelte sich auf 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Fliesen, gern auch farbig und poppig, galten in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren als der Inbegriff für Modernität, Sauberkeit und Haltbarkeit: praktisch, quadratisch, gut!

Das große Fabrikgelände mit schlichten Funktions-Gebäuden an der Bahnlinie.

Die Liberalisierung der Handelsziehungen in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft führte allerdings seit den 1960er Jahren zu einem Erstarken der Konkurrenz, vor allem aufgrund preiswerterer Fliesen aus Italien und Spanien. Hinzu kam, dass seit den 1970er Jahren der Nachholbedarf allmählich gedeckt war. Seit Ende der 1970er Jahre wurde nicht mehr der lokale Ton verwandt, sondern Ton aus dem Westerwald. Die Servais-Tongrube in der Nähe von Heidgen wurde aber noch einige Zeit weiterhin mit Feldbahnen angefahren und als Keramik-Deponie genutzt.

1984 übernahm der große Fliesenhersteller AGROB die Servais-Wessel-Werke. 1992 kam es zu einer Fusion mit den Steinzeug-Werken in Frechen. Seitdem firmierten die ehemaligen Servais-Werke als „Deutsche Steinzeug“, die später auch ihren Hauptsitz in Witterschlick hatte. Das Werk entwickelte sich zu einem Keramik-Spezialisten für die Herstellung von Wand- und Bodenfliesen für Großobjekte und den Schwimmbadbau.

Detailansicht Bahnseite der Servais-Werke. Die hell ausgemauerte, quadratische Fläche war früher der Einlass für die Feldbahn, die mittels einer eigenen Brücke über die tiefer liegende Strecke der Bundesbahn führte.

Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges verfünffachten sich die Energiekosten – und wurden zum ernsthaften Problem für die Firma. Die Brennöfen mit Temperaturen um 1.000 und 1.200 Grad können nicht ohne Verlust abgestellt werden. Man versuchte daher, besonders material- und energiesparende Fliesen herzustellen.

Materiallager und Reste von ehemaligen Feldbahngleisen, die zur ehemaligen Tongrube des Werkes führten.

Nach Finanzschwierigkeiten ging der Betrieb 2024 vorübergehend in die Insolvenz. Die Firma Meta Wolf AG aus Thüringen, ein großer Keramik-Hersteller, kaufte noch im selben Jahr die Deutsche Steinzeug auf. Das Werk sollte erhalten bleiben, da der Auftragsbestand nach wie vor gut war.

Die Fabrik in Witterschlick ist damit die letzte der vielen Firmen, die im Raum Bonn Keramik, Steinzeugprodukte und feuerfeste Schamotte-Waren herstellten. Die Steinzeugindustrie war prägend für die Industrialisierung in der Bonner Region. Allerdings sind nahezu alle baulichen Zeugnisse dieser Ära und Branche inzwischen verschwunden.  Umso erfreulicher ist es, dass mit der Steinzeugfabrik in Witterschlick eine letzte Vertreterin dieser großen Tradition der Region erhalten ist.

Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025

Adresse: Servaisstraße 9, Alfter-Witterschlick

Weitere Informationen:

Joliet, Wilhelm: Die Geschichte der Fliese – Geschichte der Servais-Werke Witterschlick,
https://www.geschichte-der-fliese.de/servais.html

Trenkle, Klaus: Steine und Erden. Rohstoffe aus Witterschlick. Gewinnung, Veredelung, Verarbeitung., Alfter-Witterschlick 2015, https://epflicht.ulb.uni-bonn.de/download/pdf/260753?originalFilename=true

www.industrie.lu – Die Industriegeschichte Luxemburgs, und darüber hinaus, Beitrag zu Servais & Co – Tonwerk Witterschlick, https://industrie.lu/TonwerkWitterschlick.html