
Der 55 Meter hohe „Phrix-Turm“ im Osten der Stadt zwischen Abteiberg und Sieg ist das markanteste bauliche Relikt der Siegburger Industriegeschichte. Er erinnert an die Blütezeit der Zellwolle-Werke Phrix der Rheinischen Zellwolle AG, über Jahrzehnte eines der bedeutendsten Unternehmen in der Region. Als Arbeitgeber spielte es für Stadt und Umgebung eine wichtige Rolle.
Die Anfänge der Firma liegen im Jahr 1928, als das renommierte Wuppertaler Textilunternehmen J. P. Bemberg AG beschloss, in Siegburg eine Fabrik für die Herstellung von Kunstseide zu errichten. Die Produktionsgebäude mit ihren langen Fensterbändern und klaren geometrischen Formen im Stil der Zeit wurden im folgenden Jahr tatsächlich fertig gestellt. Aus ökonomischen Gründen standen sie allerdings zunächst leer – die Weltwirtschaftskrise hatte auch die deutsche Textilwirtschaft heftig getroffen.

1936 übernahm die Rheinische Zellwolle AG die Fabrikanlage. Sie nahm in Siegburg die Herstellung von Zellwolle auf, einer halbsynthetischen Kunstfaser, die mit Hilfe chemischer Verfahren aus natürlicher Zellulose – etwa auf der Basis von Holz – gewonnen wurde. Abnehmer des preisgünstigen Fasermaterials war vor allem die Textilindustrie, die daraus Gewebe oder Mischgewebe mit Naturfasern herstellte.
1940 wurde die Rheinische Zellwolle AG Teil der „Phrix-Arbeitsgemeinschaft“, einer Holding mit Sitz in Hamburg, der verschiedene bedeutende Unternehmen der Branche aus ganz Deutschland angehörten. Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte das Siegburger Werk mehr als 3.000 Zwangsarbeiter – unter Kriegsbedingungen war Zellwolle besonders gefragt, nicht nur für zivile, sondern auch für militärische Zwecke wie etwa Uniformen.

1944 wurde der Betrieb kriegsbedingt eingestellt. Nach der Wiederaufnahme der Produktion 1948 florierte das Unternehmen zunächst, ebenso wie generell die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie als wichtiger Abnehmer von Fasermaterialien zur Zeit des bundesdeutschen Wirtschaftswunders. In den 1950er Jahren waren über 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Siegburger Zellstoffproduktion beschäftigt. 1967 übernahm der Ludwigshafener Chemieriese BASF das Unternehmen. Die Konkurrenz im In- und Ausland erwies sich allerdings längerfristig als übermächtig – 1971 wurde der Betrieb in Siegburg stillgelegt, mehr als 1.500 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz.

Nach dem Abriss eines großen Teils der historischen Gebäude und einer aufwändigen Altlastensanierung – Textilproduktion war aufgrund der verwendeten Chemikalien und Farbstoffen in der Regel stark umweltbelastend – ist auf dem ehemaligen Fabrikgelände in den vergangenen Jahren ein gesichtsloses Gewerbegebiet entstanden. An die industrielle Vergangenheit erinnern vor allem das zentrale, über 200 Meter lange Werksgebäude und der sich daran anschließende dominante „Phrix-Turm“ mit der ehemaligen Fabrikuhr.
Die Dimensionen und die architektonischen Qualitäten des heute vielfältig genutzten historischen Ensembles machen – vor allem angesichts der Kleinteiligkeit der umgebenden Neubebauung – den industriellen Rang und das Selbstverständnis des ehemaligen Unternehmens deutlich.
Text und Fotos: Markus Krause, Stand 2025
Adresse: Am Turm 38, 53721 Siegburg
Weitere Informationen:
„Zellwolle-Werke Phrix der Rheinischen Zellwolle AG“. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-252442
https://ga.de/region/sieg-und-rhein/siegburg/eine-familiaere-fabrik_aid-42364421

