
Jede Stadt ist stolz, wenn sie ein Alleinstellungsmerkmal besitzt, das sie von anderen unterscheidet. In Hennef ist es die Erfindung der Chronos-Waage, der ersten eichfähigen automatischen Waage weltweit, die den Unterschied macht: 1882 hatten die Inhaber der „Maschinenfabrik C. Reuther & Reisert“ die neue Technik patentieren lassen. Sie begründeten damit eine neue Ära in der Geschichte des Wiegens.

Erst im Jahr zuvor hatten der Hennefer Fabrikant Carl Reuther (1834-1902) und der Ingenieur und Erfinder Eduard Reisert (1847-1914) das gemeinsame Unternehmen in der Hennefer Ortsmitte ins Leben gerufen. Reuther hatte bereits 1869 in Hennef eine „Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen“ gegründet, aus der er 1880 wieder ausgeschieden war. Die innovative Chronos-Waage – die später zum Bestandteil des Firmennamens wurde – legte den Grundstein für eine beispiellose industrielle Erfolgsgeschichte, die Hennef weltweit zu einem Zentrum der Waagenproduktion werden ließ. Dank der neuen Technik konnten nun vorher festgelegte Mengen von losen Schüttgütern – wie Getreide, Mehl, Kaffee oder Salze – sowie von Flüssigkeiten automatisch gewogen und abgefüllt werden – das personal- und zeitintensive händische Abwägen des Mahlguts von Hand entfiel.

Um der wachsenden Nachfrage entsprechen zu können, entstand in den Folgejahren auf dem Gelände zwischen der Sieg und der Frankfurter Straße ein umfangreicher Fabrikkomplex. Vom unweit gelegenen Bahnhof aus wurden die begehrten Produkte, die bald nicht nur klassische Waagen umfassten, in alle Welt exportiert.


1972 wurde die Firma von dem amerikanischen, international tätigen Unternehmen „Howe Richardson Scale Co.“ übernommen; damit endete die Geschichte der Chronos-Werke als Familienunternehmen. Mitte der 1980 Jahre verlagerten die neuen Eigentümer die Produktion in ein neu erschlossenes Industriegebiet, sodass die innenstädtischen Flächen für alternative städtebauliche Nutzungen frei wurden. Nach verschiedenen Eigentümerwechseln und Namensänderungen endete die Produktion in Hennef endgültig im Jahr 2004.

Die Mehrzahl der historischen Fabrikgebäude ist nach dem Umzug ins Industriegebiet abgerissen worden. An ihrer Stelle entstand das neue Hennefer Rathaus sowie von 1999 bis 2001 das „Quartier Chronos“, ein architektonisch ansprechendes kleinteiliges Gebäudeensemble mit einzelnen Wohnungen, das die klassische Fabrikarchitektur nicht einfallslos imitiert, sich aber indirekt – zum Beispiel bei der Kubatur der Gebäude und der Wahl der Baumaterialien – an historischen Vorbildern orientiert. Der Entwurf stammt von dem renommierten Kölner Büro Peter Böhm Architekten. 2004 wurde das Ensemble mit dem „Architekturpreis NRW“ ausgezeichnet.

Integriert in das neue Quartier ist der einzige erhaltene Teil der eigentlichen Chronos-Werke: Der sogenannte „Hochbau“, ein schlichtes, aber durch farblich abgesetzte Lisenen und einzelne Zierelemente architektonisch klar gegliedertes Backsteingebäude. Es beherbergte zunächst die Lehrwerkstatt und später verschiedene Testanlagen für Schüttgüter. Sehr viel aufwändiger gestaltet präsentiert sich das ehemalige Verwaltungsgebäude an der Frankfurter Straße, das um 1900 entstand. Es demonstrierte im öffentlichen Raum Prosperität, Rang und Bedeutung des Unternehmens.

Auch das ehemalige Verwaltungsgebäude wurde grundlegend saniert.
Diesen in der Architektur verkörperten öffentlichen Geltungsanspruch manifestiert – nach den Maßstäben der wilhelminischen Epoche eine Selbstverständlichkeit – noch deutlicher die prächtige, um 1900 erbaute Villa des Unternehmers Carl Reuther mit ihrem zweigeschossigen Erker und der Vielfalt an Stuck- und Schmuckornamenten. Sie befindet sich weiterhin in Privatbesitz und steht – wie die weiteren baulichen Relikte der Chronos-Geschichte – unter Denkmalschutz.

Die repräsentative, von dem Architekten Joseph Böhm entworfene Villa Reuther dominiert das Straßenbild; sie ist bis heute im Besitz der ehemaligen Unternehmerfamilie.
Weitere Informationen zur Geschichte der Chronos-Werke und zur Hennefer Industriehistorie bieten die 22 Stationen des „Hennefer Waagen-Wanderwegs“, zu dem auch eine Broschüre erschienen ist. In der ehemaligen Maschinenfabrik Meys (Beethovenstraße 21), die seit einer grundlegenden Sanierung unter anderem das Stadtarchiv und die städtische Bibliothek beherbergt, sind im Foyer einige wenige originale „Chronos“-Waagen zu besichtigen.
Text und Fotos: Markus Krause, Stand 2025
Adresse:
53773 Hennef, Frankfurter Straße 93; Villa Reuther: Frankfurter Straße 95; Verwaltungsgebäude: Frankfurter Straße 91
Weitere Informationen:
Fischer, Helmut: Der Anfang der Industrialisierung in Hennef. Die C. Reuther & Co. Maschinenfabrik Hennef und ihre Fortführung. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Hennef – Neue Folge 16. Hennef 2022, S.155-178
https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Reuther_(Unternehmer,_1834)
https://de.wikipedia.org/wiki/Chronos-Werk
https://www.hennef.de/stadtgeschichte/welterfindung-aus-hennef-die-chronos-waage/
https://www.werkstatt-stadt.de/NSP/SharedDocs/Projekte/WSProjekte_DE/Hennef_QuartierChronos.html

