Siegtalbahn zwischen Hennef und Windeck-Au

Eine Zugfahrt von Köln nach Siegen oder Gießen ist immer ein interessantestes Erlebnis. Dies gilt vor allem für den Streckenabschnitt entlang der Sieg von der Stadt Hennef bis zu der Gemeinde Windeck-Au an der Grenze zu Rheinland-Pfalz. Im landschaftlich reizvollen Flusstal ist die Eisenbahn – wie der rote S-Bahn-Zug auf der eingleisigen Bogenbrücke bei Hennef-Blankenberg (Foto: EveryPicture, via Wikimedia Commons, CC-BY-SA-3.0) – zum selbstverständlichen Element der Kulturlandschaft zwischen Bergischem Land im Norden und Westerwald im Süden geworden.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden erste Pläne, die Rheinschiene und damit indirekt auch das industriell aufstrebende Ruhrgebiet mit der Region um Gießen und mit dem preußischen Siegerland und seinem florierenden Bergbau- und Eisengewerbe zu verbinden. Dabei erwies sich eine Linienführung entlang der Sieg schnell als praktikabelste Lösung. Allerdings war die Topografie des Flusstals für den Eisenbahnbau nicht gerade günstig: Die Sieg verläuft über weite Strecken alles andere als gradlinig, sondern mäandert durch zahlreiche Schleifen und Windungen. Zudem bedeuten Hochwasser seit jeher ein unwägbares Risiko. Vor allem aber verengt sich das Tal an vielen Stellen, und seine Abhänge können ebenso steil wie felsig sein.

Eine Dampflok der Baureihe 52 verlässt 2010 auf einer Sonderfahrt den 235 Meter langen Tunnel zwischen dem Haltepunkt Merten und dem Bahnhof Eitorf. Das Tunnelportal ist im historisierenden Stil der Erbauungszeit mit Türmchen und Zinnen verziert. Foto: Olbertz, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Unter diesen schwierigen Umständen eine normalspurige Eisenbahnstrecke zu konzipieren und zu bauen – und das weitgehend in Handarbeit, ohne Bagger und Planierraupe –, erwies sich als anspruchsvolles Vorhaben. Erforderlich war ein hohes Maß an bau- und eisenbahntechnischem Wissen. So mussten etwa vielerorts Geländeeinschnitte beziehungsweise Dämme angelegt sowie zahlreiche Brücken sowie mehrere Tunnel gebaut werden, wenn eine einfachere Streckenführung nicht in Frage kam. Denn Kunstbauten wie diese sind aufwendig und damit teuer; erforderlich war also nicht zuletzt eine ausreichende Finanzierung des Projektes.

Die Stahlfachwerkbrücke bei Windeck-Herchen wurde vor einigen Jahren um einen separaten Fuß- und Radfahrweg ergänzt, der das Bild des historischen Ingenieurbauwerks glücklicherweise nur wenig beeinträchtigt. Zwei Bögen der ursprünglichen steinernen Brücke waren 1909 bei einem der größten Sieghochwasser zerstört worden. In Richtung Au folgt direkt im Anschluss der 370 Meter lange Herchener Tunnel.

Konstruktion und Betrieb der neuen Bahnlinie hatte in Abstimmung mit dem preußischen Staat die private Cöln-Mindener Eisenbahngesellschaft übernommen, die bereits für den Bau der namengebenden Verbindung von (Cöln-)Deutz nach Minden verantwortlich gewesen war. Trotz aller Schwierigkeiten konnte die Bevölkerung in den Gemeinden entlang der Sieg in den Jahren 1858 bis 1861 abschnittsweise die Eröffnung „ihrer“ Bahn feiern. Sie hatte damit Anschluss an die zuvor nur mit Mühe erreichbare große weite Welt gewonnen.

Vielerorts werden – wie hier bei Rosbach – die hohen Bahndämme von Straßen gekreuzt, was den Bau von Unterführungen erforderte, die für den heutigen Autoverkehr in der Regel zu schmal sind.

Das galt im Übrigen nicht nur für die Menschen vor Ort, sondern auch für den Austausch von Waren und Gütern aller Art. Denn über viele Jahrzehnte war die Sieglinie eine wichtige Güterbahn von überregionaler Bedeutung. Diese Funktion hat sie allerdings in den vergangenen Jahren fast vollständig verloren – ein Güterzug ist auf der Strecke nur noch selten zu sehen.

Als die Bahn noch rauchte: Ein langer Güterzug überquert 1975 die Siegbrücke zwischen Schladern und Rosbach östlich des Tunnels Mauel. Foto: Helmut Dahlhaus, Archiv Stiftung Eisenbahngeschichte Joachim Schmidt.

Der Ausbau der Strecke zur S-Bahn-Verbindung von Köln nach Windeck-Au Anfang der 1990er Jahre hatte beispielsweise den Verlust fast aller historischer Güterschuppen, Verladerampen, separater Gütergleise und ähnlicher Anlagen zur Güterabfertigung zur Folge. Erhalten sind in der Regel nur die Empfangsgebäude, entweder zumindest äußerlich gepflegt, weil sinnvoll umgenutzt wie in Hennef und Windeck-Schladern oder aber vernachlässigt, funktionslos und marode wie in Herchen oder Au.

Der ehemalige Güterschuppen in Eitorf – einer der letzten seiner Art an der Siegstrecke – bietet heute viel Platz für die Aktivitäten der Biologischen Station im Rhein-Sieg-Kreis. Das kleine Empfangsgebäude nebenan ist neueren Datums.

Der problematischen Topografie ist es zu verdanken, dass einige Bahnhöfe beziehungsweise Haltepunkte weitab von den jeweiligen Gemeinden liegen – die kleine Gemeinde Herchen kam dadurch sogar zu dem offiziellen Ortsteil „Herchen-Bahnhof“, der bis heute aus wenig mehr als dem historischen Empfangsgebäude besteht. Er verfügt aber – wie viele Stationen an der Strecke – seit einigen Jahren über einen weitläufigen Park-and-Ride-Parkplatz, ein gern genutztes Angebot für die Berufspendler vor allem in Richtung Rheinschiene.

Der 1860 eröffnete Bahnhof Windeck-Au ist die Endstation für die S-Bahnen aus Köln; Empfangs- und Nebengebäude bieten leider ein trauriges Bild der Vernachlässigung. Bis heute zweigt hier die 1887 in Betrieb gegangene Oberwesterwaldbahn nach Altenkirchen von der Hauptstrecke ab. Als bescheidener, aber für die Erschließung des Westerwalds wichtiger Verkehrsknoten besaß Au eine eigene Lokstation mit einem kleinen vierständigen Lokschuppen, der über eine Drehscheibe angefahren wurde. Er wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Eine abwechslungsreiche Szenerie, ein stellenweise wilder, nicht kanalisierter Fluss, Wälder, Wiesen und Dörfer – gerade diese Elemente einer lebendigen Landschaft machen die Faszination der Siegstrecke aus, ob man sie als Reisender im Zug erlebt oder ob man die rote S-Bahn zu Fuß oder auf dem Uferradweg aus der Ferne bewundert.

Text und Fotos: Markus Krause, Stand 2025

Adressen:

Bahnhof Hennef: Bahnhofstraße 13, 53773 Hennef, Bahnhof Windeck-Au: Bahnhofstraße 24, 51570 Windeck-Au

Weitere Informationen:

Ellerbrock, Karl-Peter, Schuster, Marina (Hg.): 150 Jahre Köln-Mindener Eisenbahn. Katalog zur gleichnamigen Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe. Essen 1997

Strack, Klaus: Über die Ufer. Hochwasser 1909 – die Fluten der Sieg legen Eisenbahn lahm. In: Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises 2002. Siegburg 2002, S. 90-95

Strack, Klaus: 150 Jahre Eisenbahn im Siegtal. Nümbrecht 2010

Merzhäuser, Willy, Wenzel, Hansjürgen: Eisenbahnen im Westerwald. Zwischen Sieg und Lahn. Freiburg 1996

Eisenbahnclub Rhein-Sieg (Hg.): Eisenbahn im Siegtal. Bd. 1. Siegburg 1993

https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Deutz-Gießen

https://de.wikipedia.org/wiki/Siegstrecke

efbeVideo: Dampflok 41 241 (…) unterwegs im Siegtal. 1992:  https://www.youtube.com/watch?v=mRn2jELPQDg