
Die Arbeiterwohnungs-Genossenschaft erstellte im Norden Bonns an der Taunusstraße (1901), Ellerstraße (1903) und Eintrachtstraße (1908) einige Bauten für Geringverdiende. Interessant ist, wie die gleiche Bauaufgabe in drei unterschiedlichen verschiedenen Architekturformen realisiert wurde.

Nach den ersten Bauten in der Paul- und Graurheindorfer Straße folgte nach 1900 eine zweite Bauphase im Norden Bonns. Der Architekt H. P. Keim entwarf für die Taunusstraße sechs Dreifensterhäuser in Reihenbebauung, also mehrstöckige Häuser mit drei Fensterachsen, wie sie damals häufig gebaut wurden. Das Ensemble hat drei Geschosse, die jeweils eine Wohnung mit zwei oder drei Zimmern boten. Das Dekor der Fassaden ist – im Vergleich zu den bürgerlichen Nachbarhäusern – zurückhaltend, aber liebevoll ausgearbeitet. Die Architektur betont bei aller Individualität zugleich den Zusammenhang der Häuserzeile.

Noch etwas individueller wurde eine Zeile in der benachbarten Ellerstraße gestaltet. Der Entwurf stammt von dem Architekten Julius Runge. Die Fassaden der acht Dreifensterhäuser variieren – trotz standardisierter Grundrisse – in Bezug auf Formen und Anordnung der Fenster. Ein Wechselspiel von verschiedenfarbigen Putz- und Ziegelflächen sowie wechselnde Dachformen geben der Häuserfront ein abwechslungsreiches und lebendiges Erscheinungsbild. Aber auch hier bleibt der Gesamtzusammenhang der Anlage auf Anhieb erkennbar. Die Genossenschaftsbauten verzichteten einerseits bewußt auf Größen- und Rangunterschiede zwischen den Wohnungen, hoben aber zugleich die Individualität der einzelnen Häuser und Siedlungen hervor. Sehr ähnliche Genossenschaftssiedlungen wurden zur gleichen Zeit auch in Köln (Sülz, Nippes, Ehrenfeld) gebaut.

Pro Geschoss gab es jeweils eine Wohnung mit zwei bis drei Zimmern, zum Teil ohne eigenen Flur. Die Küche war eines dieser Zimmer; sie unterschied sich durch einen Spülstein von den anderen Räumen. Jede Wohnung besaß eine eigene Toilette, die aber meist außerhalb der Wohnung lag. Leider ist der Straßenzug in der Ellerstraße im Detail (Fenster, Türen, störende Müllcontainer) etwas schlechter erhalten als die anderen Genossenschaftsbauten.
Einen anderen Ansatz wählte Runge 1908 für Bauten an der Eintracht- und Römerstraße. Hier war eine weit größere Gartenstadt-Siedlung geplant, die leider nur in ersten Ansätzen ausgeführt wurde. Der Architekt entwickelte hier freigestellte Doppelhäuser und Mehrwohnungshäuser mit hohen Mansarddächern, rückwärtigen Gärten und einer – im Vergleich zur Taunus- und Ellerstraße – individuellen Anordnung der Baukörper und mit varierenden Grundrißformen.

Die drei Genossenschaftsbauten in Eintrachtstraße sollten in einem größeren Bogen weiter geführt werden. Leider ist es dazu nicht gekommen und die Siedlung wirkt eingeklemmt und unvollendet. Aber die Grundidee ist erahnbar. Wie die Anlage in der Eintrachtstraße wirken sollte, zeigt ein Blick nach Troisdorf. Dort entstanden wenige Jahre später zwei Werks-Siedlungen nach dem Gestaltungsideal der Gartenstadt, die Rote Kolonie und die Schwarze Kolonie.
Aber immerhin: Gemeinsam mit den etwas älteren Bauten der Aktienbaugesellschaft in der Peterstraße sowie den Häusergruppen in der Graurheindorfer- und Paul-Straße zeigen die Bonner Bauprojekte der Arbeiterwohnungsgenossenschaft in Bonn-Nord fünf sehr unterschiedliche, aber zeittypische Trends der Siedlungsarchitektur um 1900.

Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2022
Adressen:
Taunusstraße 2–12, Ellerstraße 35–49, Eintrachtstr. 13 / Römerstr. 125, Bonn
Weitere Informationen:
Roth, Erik: Bauten der Bonner „Arbeiterwohnungs-Genossenschaft“. In: Landschaftsverband Rheinland, Rheinisches Amt für Denkmalpflege: Denkmalpflege im Rheinland (Hg.): 3/1986, S. 1–6

