
Zwischen Witterschlick, Volmershoven und Heidgen bauten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts etliche kleine Betriebe Ton ab, um daraus Dachziegel und Töpferwaren herzustellen. Der entscheidende Durchbruch kam aber mit dem Fund von besonders wertvollen Blautonen 1880 in Volmershoven. Er führte zu einem regem Tonabbau sowohl unter- als auch übertage südlich von Witterschlick. Der letzte große Tagebau ruht momentan. Aber es lassen sich noch Zeugnisse des Tonabbaus sowie Gleisfragmente der ehemaligen Werks- und Feldbahnen entdecken.
Mit der Entdeckung von fettem Blauton gewann der Tonabbau südlich von Witterschlick schnell an Bedeutung, weil sich dieser Ton hervorragend zur Herstellung von feuerfesten Produkten eignet. Solche hitzebeständigen Baustoffe fanden bei Hochtemperatur-Prozessen in der Industrie Verwendung – insbesondere in der Schwerindustrie. Die Friedrich Krupp AG als Stahl- und Rüstungsunternehmen betrieb sogar bei Witterschlick einen eigenen Tonabbaubetrieb.
In der Nachbarschaft gruben die Didier-Werke Ton ab. Sie waren spezialisiert auf die Herstellung von hitzefesten Werkstoffen für die Eisen- und Stahl-, die Kalk- und Zement- sowie für die Glasindustrie und betrieben Fabrikstandorte in ganz Deutschland. Bis in die Nachkriegszeit waren regelmäßig rund fünf bis sechs Firmen im Tonabbau aktiv. Die wichtigsten waren neben Krupp und Didier die Servais-Werke, die den Ton in Witterschlick auch direkt verarbeiten, sowie die Firma Braun und später auch die Wester-Werke. Im Raum Bonn existierte eine bedeutende Steinzeug-, Feuerfest- und Keramikindustrie, die ebenfalls Ton aus dem nahen Witterschlick bezog. Die Porzellanfabrik Wessel aus Bonn-Poppelsdorf betrieb kurz nach 1900 dort sogar eine eigene Tongrube.
Die nachträgliche Einrichtung des Bahnhofs Witterschlick an der Bahnlinie Bonn-Euskirchen im Jahr 1903, die auf Druck der Betriebe erfolgte, die in der Region Ton abbauten und verarbeiteten, verbesserte die Transportsituation grundlegend und machte die Gewinnung des Blautons für überregionale Abnehmer noch attraktiver. Witterschlick profitierte von der schwungvollen Industrialisierung jener Jahrzehnte – und wurde unverhofft selbst ein kleines Industrieörtchen mitten im ländlichen Vorgebirge.






Ein Dokumentationsfilm aus dem Jahr 1962 zeigt, wie früher in Handarbeit ein Reifenschacht ausgehoben wurde. Bild 1 und 2: Aufhacken eines Erdlochs, Bild 3: Errichtung der Haspel über dem Loch, Bild 4: Auskleiden und Stabilisieren des Reifenschachtes mit Buchenzweigen, Bild 5: Losschlagen des Tons im Schacht, Bild 6: Aufwärtsziehen des Toneimers mit Hilfe der Haspel. LVR-Institut 1962, Wikimedia Commons, CC-BY-3.0.
Anfänglich muss es eine regelrechte Goldgräberstimmung im Tonrevier gegeben haben. Jedenfalls waren bis zu 60 kleine Tonabbau-Betriebe mit meist nur wenigen Beschäftigten hier tätig. Der Blauton lag circa 10 bis 20 Meter tief unter anderen Erd- und Tonschichten. Abgebaut wurde er in sogenannten „Reifen-Schächten“, die in Handarbeit mit Hacken bis hin zum unterirdischen Tonlager ausgehoben, mit Ästen gesichert und mit einer Seilwinde oder Haspel bedient wurden. In der Tonader wurden dann mit Holzpfählen abgestützte Strecken angelegt, in denen der Ton in Handarbeit abgebaut wurde. Die Arbeit in diesen Gruben und Schächten war körperlich ausgesprochen anstrengend und gefährlich. Die temporären Gruben hielten nämlich dem Erddruck nicht dauerhaft stand und wurden daher nach drei bis sechs Monaten aus Sicherheitsgründen aufgegeben und meist wieder verfüllt.


Die meisten der zahlreichen Kleinbetriebe konnten sich wegen Kapitalmangels nicht lange halten. Übrig blieben wenige größere Unternehmungen, die ebenfalls untertage in Reifenschächten abbauten. Der letzte Reifenschacht in der Region Witterschlick wurde 1952 geschlossen.
Denn in den frühen 1940er Jahren waren die ersten Schächte entstanden, die – anders als die Reifenschächte – stabil und auf Dauer angelegt waren, bis in über 40 Meter Tiefe führten und damit dem Tonabbau neue Dimensionen erschlossen. Solche dauerhaften unterirdischen Schachtanlagen waren westlich und östlich der Bahnstrecke zwischen Witterschlick und Volmershoven/ Heidgen zu finden: Die oberirdischen Gebäude der Schachtanlage Eiche (1942 bis 1982) mit Maschinenhaus, Trafoturm, Förderturm in Holzbauweise, in der rund 70 Menschen arbeiteten, stehen seit 2003 unter Denkmalschutz.

Frühzeitig betrieben die Firmen Krupp und Servais aber auch größere Tagebaue, die bis zu 20 Meter Tiefe erreichten. In jüngster Vergangenheit baute die Firma Sibelco noch im Tagebau Schenkenbusch (seit 1975) südlich von Witterschlick Ton ab. Noch Anfang der 2020er Jahre wurden dort jährlich circa 110.000 Tonnen Ton gewonnen. Mitte der 2020er Jahre wurde der Abbau südlich des Lülsdorfer Wegs, eingestellt. Eine Rekultivierung des Tagebaus wird die Abbaulandschaft zukünftig in Flächen für die Landwirtschaft, Waldbewirtschaftung, Naherholung und den Naturschutz verwandeln.
Seit 2009 gibt es Bemühungen der Firma, den Tagebau Schenkenbusch zwischen Witterschlick und Volmershoven nach Norden über den Lülsbacher Weg hinaus um 18 Hektar zu verlagern. Dieses Projekt, das bis auf 150 Meter an die Wohnbebauung heranrücken könnte, fand und findet in der Anwohnerschaft und Politik vor Ort wenig Anklang. Der Bonner General-Anzeiger sprach 2025 von einer „Mauer der Ablehnung“ in Witterschlick.
Außer der denkmalgeschützten Anlage des Schachts Eiche sind nur noch wenige Relikte des Tonbergbaus erhalten geblieben. Während früher neben den überirdischen Schachtgebäuden große Lagerschuppen und hochgelegene Verladestationen vom Tonabbau kündeten, sind diese bis auf wenige Ausnahmen verschwunden


Die ehemaligen Tagebaugruben sind nicht einsehbar. Es gibt allerdings einen landschaftlich reizvollen Spazierweg entlang dem Tagebau Schenkenbusch und der Grube Emma –zwischen Witterschlick und dem Morenhovener Weg. Auf der östlichen Seite ermöglicht er einen Einblick in das „Naturschutzgebiet Tongrube Witterschlick“, das auf dem ehemaligen Grubengelände als Rekultivierungsmaßnahme geschaffen wurde.


In der Zeit von etwa 1910 bis gegen Ende des Jahrhunderts existierte zwischen Volmershoven, Heidgen und Witterschlick ein dichtes Netz von kleinen Feldbahnen mit 60 Zentimetern Spurbreite. In den 1980er Jahren betrieben noch die Servais-Werke, die Firma Braun und die Firma Didier Werksbahnen. Diese Kleinstzüge besorgten im Zehn-Kilometer-Tempo die Transporte des schweren Ton- und Abraummaterials sowie von Abfallmaterialien zwischen den Tongruben, Lagerstätten, tonverarbeitenden Betrieben und Verladerampen für Bahn und Lastkraftwagen.
Die Feldbahnen wurden in den 1980er und 1990er Jahren allmählich durch Lastkraftwagen ersetzt und sind heute außer Betrieb. Ihre Geschichte ist aber nicht ganz vergangen, denn die Feldbahn-Fans haben zahlreiche Details der ehemaligen Anlagen dokumentiert. Und wer sucht, findet auch noch das ein oder andere Gleisfragment rund um Witterschlick. Der Feldbahn-Damm für die Zufahrt von den Servais-Werken zur Tongrube bei Heidgen ist zwar wild überwuchert, aber noch weitgehend erhalten, und es lassen sich sogar noch Fragmente von Loren entdecken.


Zur Erinnerung an den Tonabbau sind in Witterschlick (siehe einleitendes Foto) und Volmershoven zwei Loren an neuen Standorten aufgestellt worden.

Nahe der früheren Schachtanlage Wilhelm zwischen Witterschlick und Heidgen liegt seit 2021 ein mächtiger Quarzit-Findling, der an Hermann Braun erinnert, einen Pionier des Tonabbaus im Witterschlicker Revier.
Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025
Adressen: Lore in Witterschlick, Lorenweg / Ecke Hauptstraße; Lore in Witterschlick-Volmershoven, Kottenforststraße / Ecke Hauptstraße; Quarzit-Findling, Heerstraße Witterschlick; Trockenschuppen Heidgen, Heerstraße, Ecke Rulandsweg, Witterschlick-Heidgen; Tonlager Braun, von der Bahnlinie zwischen den Bahnhöfen Witterschlick und Kottenforst zu sehen.
Weitere Informationen:
Christopher, Andreas: Achristo’s Foto-Historama: Feldbahnen im Raum Witterschlick, https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?017,9819569
General-Anzeiger 28.1.2025: Sibelco in Witterschlick, Tonabbau soll ausgedehnt werden – Wie nah kommen die Bagger an die Häuser heran? https://ga.de/region/voreifel-und-vorgebirge/alfter/witterschlick-tonabbau-nah-an-den-wohnhaeusern_aid-123536855?utm_source=mail&utm_medium=referral&utm_campaign=share?utm_source=mail&utm_medium=referral&utm_campaign=share
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte: Tongraben bei den Töpfern am Soonwald, 1962: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tongraben_bei_den_T%C3%B6pfern_am_Soonwald.webm
Sibelco Deutschland GmbH – zu den Themen Geschichte des Tonbergbaus, Ton aus Witterschlick, Norderweiterung, Rekultivierung: https://www.tontagebau-schenkenbusch.de/
Trenkle, Klaus: Steine und Erden. Rohstoffe aus Witterschlick. Gewinnung, Veredelung, Verarbeitung, Alfter-Witterschlick 2015, https://epflicht.ulb.uni-bonn.de/download/pdf/260753?originalFilename=true
Trenkle, Klaus: Das Bahnhofsfest in Witterschlick sowie Feldbahnen in Witterschlick, Alfter-Witterschlick 2011

