
Lange wurden an der Kante des Villehangs westlich von Roisdorf Quarzsand, Kies und Ton abgebaut. Inzwischen ist die ehemalige Grube ein Naturschutzgebiet, das bedrohten Pflanzen und Tieren Lebensraum bietet. Da die Naturschutzzone nicht öffentlich zugänglich ist, errichtete der „Landschaftsschutzverein Vorgebirge“ 1997 einen Aussichtsturm, der einen Einblick in die ehemalige Grube gewährt, die sich heute als vielfältiges Biotop-Mosaik vor dem weiten Horizont des Rheintals ausbreitet.

Der Sandabbau hat in der Region eine lange Tradition. Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts arbeiteten etwa ein Drittel der Bewohner von Roisdorf als Sandgräber oder Sandkrämer. Sie beförderten Quarzsand mit spiralförmigen Löffelbohrern aus dem Erdreich und verkauften ihn Bonn. Dort fand der strahlend weiße Sand Verwendung als Scheuermittel. Der Transport geschah in einfachen Karren, vor die oft ein Hund gespannt wurde. Teilweise wurde der Sand aber auch schon in Glas- und Fayencekeramik-Fabriken verwandt.
Diese individuell betriebene Tätigkeit für arme Leute verlor Mitte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung. Roisdorf hatte schon 1844 einen Bahnhof erhalten, was zur Blüte des Mineralbrunnens und zu der Gründung der Lederfabrik Gammersbach führte, in denen die Sandgräber Lohnarbeit fanden. Gleichzeitig wurde der Sandabbau nun im größeren Maßstab betrieben. Die Bonner Steinzeugfabriken Wessel und Mehlem bezogen beispielsweise Sand aus der Region.

Ab den 1880er Jahren wurde am Vorgebirgshang in der Grube Maria“ Sand in größerem Umfang für die Glasindustrie abgebaut. Die Arbeiter gruben – ähnlich wie beim Tonabbau – bis zu acht Meter tiefe Schächte, die mit Holz ausgekleidet wurden. Der Sand wurde mit einfachen Winden nach oben befördert. Für die Steinzeugindustrie musste der Sand noch feiner gemahlen werden. In Roisdorf existierte dafür in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof (auf dem Gelände des heutigen Lebensmittel-Marktes) eine industrielle Sandmühle, deren Feinstaub sich in der Umgebung, aber auch in der Produktionsstätte selbst absetzte. Das konnte bei den Arbeitern eine Staublunge verursachen – was der Fabrik den Namen „Duudemöhl“ (Totenmühle) eintrug. Die Arbeit in der Mühle war in der Region so verrufen, dass auswärtige Arbeiter aus Italien angeworben werden mussten.
In der Quarzsandgrube wurden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Sand, Kies und Ton abgebaut. Als 1975 das Ansinnen öffentlich wurde, die Abbaufläche vom Villehang bis nach Roisdorf, wo sich früher ebenfalls Sandgruben befunden hatten, auf einer Fläche von 35 Hektar und mit einer Tiefe von circa 45 Metern weitläufig auszudehnen, setzte der lokale Widerstand ein, der letztlich zur Einstellung der Sandgewinnung führte.
Die Nutzung und Nachnutzung der Grube entwickelte sich zu einem kontrovers diskutierten Thema. 1975 bildete sich eine große Bürgerinitiative gegen den weiteren Abbau, aus der später der „Landschaftsschutzverein Vorgebirge“ (LSV) entstand. Gemeinsam mit dem Kuratorium „Rettet das Vorgebirge“ kämpfte die Initiative Jahrzehnte für die Einstellung des Abbaus in der Quarzgrube und gegen deren Folgenutzung als Mülldeponie. Man versuchte unter anderem das Gelände anzukaufen und gab dafür „Heimat-Aktien“ aus. Der Widerstand hatte auf lange Sicht Erfolg: Im Jahr 1994 wurden die Pläne für die Deponie eingestellt. 1996 erhielt die Grube den Status eines Naturschutzgebiets, 1999 wurde die Förderung von Quarzsand, Kies und Ton eingestellt und 2011 erfolgte die Entlassung des Bereichs aus dem Bergrecht, wodurch zukünftige Abbauaktivitäten rechtlich ausgeschlossen wurden.

Durch den Abbau des leuchtend hellen Quarzsands seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war eine besonders strukturreiche Kulturlandschaft mit offenen Sandböden und Dünen entstanden, die es so im Binnenland sonst kaum gibt. Es gab alte Waldbestände, auenartige Partien, steile Abbruchkanten, Streuobstwiesen sowie Teiche und Tümpel. Auf engsten Raum existierten verschiedene Landschaftsstrukturen nebeneinander.
Der LSV präsentiert am Turm ein Schichtprofil aus der 30 Meter tiefen Grube, das einen „Einblick“ in die Erdgeschichte erlaubt. Man erfährt dort beispielsweise, dass der Quarzsand bereits vor 25.000 Jahren durch ein Flachmeer herangetragen wurde – es handelt sich also um sehr alten Strandsand. An diesem Standort finden sich übereinander und nebeneinander Sand, Kies, Löss, Ton sowie Braunkohle. Dadurch entstanden auf engstem Raum verschiedenste Bodenverhältnisse, die wiederum zahlreichen spezialisierten Pflanzenarten und seltenen Tierpopulationen ideale Bedingungen bieten.

Der BUND pflegt inzwischen die 21 Hektar große Grube, um den Reichtum und die Vielfalt der Biotope zu erhalten. So wird der stete Wandel einer Auenlandschaft mit künstlichen Eingriffen und Baggern simuliert. Schafe und Ziegen grasen auf diesen Flächen und sorgen dafür, dass Heideflächen und Borstgrasrasen erhalten bleiben. Die Umweltfreunde halten die Sandflächen offen und schaffen neue Abbruchkanten, um für Pflanzen und Tiere spezifische Lebensräume zu schaffen.
Weiter östlich in der Rheinebene zwischen Hersel, Roisdorf und Bornheim wurde und wird noch heute rege Sand und Kies abgebaut – was dem Landstrich in Rahmen des Projektes „Grünes C“ der Regionale 2010 den Titel „Kieslandschaft“ eintrug. Auch rechtsrheinisch wird westlich von Troisdorf im großen Stil Sand und Kies abgebaut.

Rund um Hersel wurden früher stillgelegte Kiesgruben zur Entsorgung von Müll aus Bonn genutzt, dann versiegelt und wieder eingeebnet. Auch der „Herseler See“ ist ein ehemaliger Baggersee, der bis zum Grundwasser ausgekiest worden war. Seit 1994 ist er Naturschutzgebiet. Damit ist auch hier aus einer Wunde in der Landschaft ein geschützter Lebensraum für gefährdete Tiere und Pflanzen geworden.
Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025
Adresse: Quarzsandgrube, Naturschutzgebiet und LSV-Turm „Fietzecks Weitsicht“, Neuweg / Ecke Blutpfad, Bornheim-Brenig, Kiesgrube Hünten: Allerstr. 51, Bornheim-Hersel
Weitere Informationen:
BUND: Quarzsandgrube Bornheim Brenig, https://www.bund-rsk.de/themen-und-projekte/naturschutz/quarzsandgrube-neu/
Heimatfreunde Roisdorf: Sandgräberei und Sandkrämerei, http://heimatfreunde-roisdorf.com/geschichte/landwirtschaft-und-gewerbe/sandgraeberei-und-sandkraemerei/index.html
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW: Naturschutzgebiet Quarzsandgrube (SU-048), https://nsg.naturschutzinformationen.nrw.de/nsg/de/fachinfo/gebiete/gesamt/SU-048
Landschaftsschutzverein Vorgebirge: Heimat-Lexikon & Festschrift. LSV: 40 Jahre – und kein bisschen müde. Bornheim 2016
Stadler, Harald: Die Entwicklung Roisdorfs in der Bundesrepublik Deutschland. In: Ernst Gierlich, Harald Stadler (Hg.): 1113-2013. 900 Jahre Roisdorf, Bornheim 2013, S. 129-143, online: http://www.heimatfreunde-roisdorf.com/geschichte/historischer-ueberblick/die-entwicklung-in-der-bundesrepublik-deutschland/index.html

