Alte Kolonie – Werkssiedlung, Niederkassel-Ranzel

In einem ländlichen Gebiet nördlich von Niederkassel gründete der Stinnes-Konzern 1912 ein neues Chemiewerk , die „Deutsche Wildermannwerke GmbH“. Die örtliche Bevölkerung in Lülsdorf und Ranzel war von einer Beschäftigung in der Chemiefabrik nicht begeistert und bevorzugte weiterhin die Arbeit in der Landwirtschaft. Folglich mussten Arbeitskräfte aus dem weiteren Umfeld angeworben werden. Für die neue Belegschaft baute man gegenüber dem Chemiewerk eine Werkssiedlung für Angestellte und Arbeiter. Das gesamte Ensemble ist gut erhalten und besitzt viele Grün- und Freiflächen. Die Gebäude aus der Zeit zwischen 1913 und 1950 repräsentieren Stileinflüsse aus verschiedenen Epochen – und überzeugen trotzdem als architektonische und städtebauliche Einheit.

Erste Bauphase ab 1913: Arbeiterwohnhäuser an der Porzer Straße, Zweifamilienhaus in der Liebigstraße.

1913 wurden an der Porzer Straße drei doppelstöckige, eher schlichte Arbeiterwohnhäuser mit Dreizimmerwohnungen (einschließlich einer Wohnküche) erbaut, sowie an der Liebigstraße zwei quadratische, fast villenartig wirkende Wohnhäuser mit jeweils einer Vierzimmerwohnung pro Geschoss damals ein ausgesprochener Luxus. Entlang der Porzer Straße wurden zeitgleich ein Direktorenwohnhaus sowie stattliche Zweifamilienhäuser mit hohen Mansarddächern für Beamte und Ingenieure errichtet. Zur Versorgung der neu zuziehenden Bewohner abseits des Dorfes diente ein Konsum, der in einem Mehrfamilienhaus untergebracht war.

Doppel-Reihenhäuser für Betriebsingenieure an der Porzer Straße.

1915 folgten an der Liebigstraße zwei längere Arbeiterwohnhäuser mit zehn beziehungsweise zwölf Dreizimmerwohnungen. Im Süden der Liebigstraße (2-4) kam 1922/23 ein weiteres Doppelhaus hinzu.

Verschiedene Gebäude der Bauphase 1913-1915 an der Kreuzung Akazienweg / Liebigstraße, sowie Vierfamilienhaus mit Dreizimmerwohnungen, 1920er Jahre, Liebigstraße 2-4.

Die Bauten der ersten und zweiten Phase folgen einem einheitlichen Erscheinungsbild, weisen jedoch eine differenzierte architektonische Ausgestaltung auf: Die Gebäude sind entsprechend der Hierarchie im Betrieb – von Direktoren über Ingenieure bis hin zu Arbeitern – hinsichtlich Gestaltungsanspruch, Größe und Individualität des Wohnens unterschiedlich ausgestaltet. Bemerkenswert ist, dass in Ranzel auf dichtem Raum Gebäude für unterschiedliche Gruppen im Betrieb errichtet wurden. Im Gegensatz dazu entstanden in Troisdorf getrennte Siedlungen einerseits für Arbeiter anderseits für Angestellte und Beamte.

Ein letzter Bauabschnitt folgte um 1950 an der Feldmühlestraße und am Kasseler Weg. Die drei Doppelwohnhäuser mit spitzen Satteldächern haben große Dachgauben im Obergeschoss, womit der ohnehin variantenreichen Dachlandschaft der Siedlung ein weiteres markantes Element hinzugefügt wurde.

Letzte Ergänzung der Siedlung an der Feldmühlestraße, um 1950.

Hinter einigen Wohnhäusern finden sich noch die ursprünglichen Stallgebäude. Alle Häuser sind von Gärten umgeben und kaum durch An- oder Umbauten verunstaltet. Das Gleichgewicht zwischen Bauten, Gärten und Freiflächen ist besser erhalten als in manch anderer Siedlung. Wesentliche Elemente wie Fenster, Schlagläden, Türen und Zäune sind bauzeitlich gestaltet oder sogar im Original erhalten. Bemerkenswert sind zum Beispiel die einfachen Holzzäune, die es anfänglich auch in den Troisdorf in Schwarzen und in der Roten Kolonie gab, aber dort nicht mehr erhalten sind.

Stall hinter einem Reihenhaus an der Liebigstraße.

Trotz unterschiedlicher Grundrisse und Ansprüche sorgen die verbindenden Elemente, die weißen Putzflächen, die grünen Fensterläden und besonderen Dachformen nach wie vor für ein harmonisches Gesamtbild. Das Denkmalgutachten spricht von einem gelungenen „Miteinander der Objekte“, wozu neben Gebäuden und Gärten auch die zeittypisch streng geschnittenen Hecken, Bäume, kleinen Mäuerchen und Treppen gehören. In dieser Hinsicht ist die Alte Kolonie in Ranzel sogar den weitaus größeren und bekannteren Arbeitersiedlungen in Troisdorf klar überlegen.

Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025

Adressen: Porzer Straße 1-25, Akazienweg 1-2, Liebigstraße 2-18, Kasseler Weg 2-4, 6-8, Feldmühlestraße 2-4, Niederkassel-Ranzel

Weitere Informationen:

Kierdorf, Alexander: Alte Kolonie, 1913-1915, 1922-23, 1950. In: Buschmann, Walter et al..: Siedlungen in Nordrhein-Westfalen. Rheinschiene. Band 2. Petersberg 2020, S. 1131-1136

Denkmalbereich „Alte Kolonie“ Niederkassel. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital, https://www.kuladig.de/Objektansicht/BODEON-1474-13062019-293807

Satzung vom 03.06.2014: Denkmalbereich „ALTE KOLONIE“ in Niederkassel-Ranzel, https://www.niederkassel.de/wp-content/uploads/2022/03/Satzung_Alte_Kolonie_Ranzel.pdf