Kappes-Kolonie / Siedlung Elisabethstraße, Troisdorf-Oberlar

In Troisdorf-Oberlar ist der geschlossene Baubestand einer Werkssiedlung der Sieg-Rheinischen Hütten AG erhalten – aus der Zeit vor der Errichtung der Roten und Schwarzen Kolonie. In der Elisabethstraße entstanden 16 Doppelhäuser ähnlichen Typs, die durch eine vielseitige Fassadengestaltung auffallen. Die freistehenden Gebäude mit separaten Eingängen und Gärten für jede Wohnpartei stehen für einen Gegenentwurf zum Massenwohnungsbau des 19. Jahrhunderts. Später kamen im Bereich der Landgrafenstraße Mehrwohnungshäuser hinzu, die einfacher gestaltet waren.

Der Bau der Siedlung an der Elisabethstraße wurde vor dem Ersten Weltkrieg begonnen, vermutlich in der Zeit ab 1908. Sie wurde auf damals noch freiem Feld als Werkssiedlung für die Sieg-Rheinische Hütten AG, einen Vorläufer der Mannstaedt-Werke, errichtet. Die Tatsache, dass in den Gärten Kohl (rheinisch: Kappes) angebaut wurde und etliche Kohlfelder die neue Siedlung umrahmten, dürfte ihr im Volksmund den Spitznamen „Kappes-Kolonie“ eingetragen haben.

Es ist nicht sicher, wer die Pläne für die älteste noch erhaltene Werkssiedlung in Troisdorf entworfen hat. Aber es gibt Vermutungen: Der Kölner Architekt Eugen Fabricius, der auch Arbeiterwohnhäuser in der Schwarzen Kolonie und im Kasino-Viertel realisierte, hatte zuvor drei Muster-Arbeiterhäuser entworfen, die um 1905-1907 für die Sieg-Rheinische Hütten AG in Troisdorf gebaut worden waren, aber nicht erhalten sind. Die Doppelhäuser in der Elisabethstraße wurden in drei Bautypen ausgeführt; zwei dieser Typen sind im Stil den Musterhäusern ähnlich. Entweder war Fabricius der Architekt oder die Entwürfe stammen aus anderer Hand, orientieren sich aber eng am Konzept der Musterhäuser.

Eines der symmetrisch aufgebauten Eingiebel-Doppelhäuser in der Elisabethstraße.

Die Grundidee war, eine Reihe von Häusern für jeweils zwei Familien auf typisierten Grundrissen zu bauen und die Fassaden und Dachgestaltungen in Details zu variieren. Mit den freistehenden Häusern für jeweils nur zwei Familien und in der Raum-Ausstattung unterscheidet sich die Siedlung deutlich von den einfacheren und seriellen Arbeiterwohnhäusern, die in Beuel und der Bonner Nordstadt nur kurz zuvor geschaffen worden waren.

Der Architekt sah in der Elisabethstraße die Wohnküche als Zentrum des Arbeiteralltags an, gestaltete sie geräumig und mit Ausblick auf die Straße. Im Erdgeschoss waren hinter der großen Wohnküche eine Stube oder ein Schlafzimmer angeordnet. Rückwärtig befanden sich im Erdgeschoss Toilette und ein kleiner Stall für die Kleintierhaltung (Hühner, Kaninchen, Ziegen). Das Obergeschoss bot zwei Zimmer oder Kammern, die zum Teil auch an Schlafgänger vermietet wurden. Jede Doppelhaushälfte erhielt im rückwärtigen Bereich einen Garten, in dem zur Selbstversorgung Obst und Gemüse angebaut wurden. Für das tragende Mauerwerk wurden Schlackenzement-Steine verwand. Sie stammten aus einer Steinfabrik, die die Hütte 1898 errichtet hatte, um die bei dem Produktionsprozess anfallende Schlacke sinnvoll weiter zu verwenden.

Die Doppelhäuser haben zwar zur Straße hin einen gemeinsamen Giebel, boten aber für die zwei Wohnparteien vollständig separierte Lebensräume, mit eigenem Eingang und Flur, eigenen Toiletten sowie mit Garten und Stall – ein echter Fortschritt gegenüber den damals üblichen Mietwohnungen, bei denen Treppenhaus und Toiletten meist geteilt werden mussten.  Die Fassaden- und Eingangsgestaltung sowie Fenster- und Dachformen erfuhren auf ähnlichen Grundrissen leichte Variationen, was zu einem abwechslungsreichen Straßenbild führte.

Eine vielköpfige Familie vor „ihrem“ Haus in der Elisabethstraße, 1929. Die Giebelspitzen zur Straße waren ursprünglich durch einen Rücksprung sowie ein kleines Fußwalmdach gekennzeichnet. Bedauerlicherweise wurde diese charakteristische Giebelgestaltung später durchgängig begradigt und zum Teil verschiefert. Troisdorfer Jahreshefte 2016, S. 83.

Charakteristisches Merkmal sind bei einigen Haustypen in der Elisabethstraße Hauszugänge zur Straße hin, die seitlich etwas erhöht auf einem Podest angeordnet und überdacht wurden. Auch wenn hier nicht genug Platz für eine Bank war, sollte diese offene Eingangssituation eine Verbindung zwischen Haus und Straße herstellen.

Doppelhäuser in der Siedlung Elisabethstraße.

Die Eingangssituationen vermitteln gemeinsam mit den wechselnden Bautypen, den gut gegliederten Baukörpern und Dachflächen sowie den variierenden Fensterformen ein freundliches und abwechslungsreiches Ambiente, das sich bis heute gut erhalten hat. Dazu tragen auch die roten Ziegelsteine bei, die im Sockel und als Zierelemente an der Rahmung der Fenster wirkungsvoll eingesetzt wurden. Ein besonders geschlossener Eindruck der Siedlung ergibt sich daraus, dass die Elisabethstraße auf beiden Seiten von Werkswohnungs-Häusern gefasst wird.

Später errichtet Gebäude mit Etagenwohnungen in der Elisabethstraße. Türen und Klappläden sind zum Teil im Originalzustand erhalten.

An der Ecke Elisabethstraße / Landgrafenstraße wurden die Doppelhaushälften später durch mehrgeschossige Etagenwohnhäuser ergänzt. Die Entwürfe stammten vermutlich von der Bauabteilung der Mannstaedt-Werke. Zur Bauzeit gibt es unterschiedliche Angaben. Entweder entstanden die Häuser kurz vor oder nach dem Ersten Weltkrieg. Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg spricht, dass sie deutlich einfacher und schmuckloser ausgeführt wurden als die Werkswohnungsbauten der Mannstaedt-Werke vor dem Krieg.  Zugleich gibt es Parallelen zu vergleichbaren Mehrfamilienhäusern nach dem Ersten Weltkrieg in der Schwarzen Kolonie und der Kasino-Kolonie.

Postkarte, zwischen 1910 und 1920. Links kann man noch die unverputzten Schlackensteine erkennen, die aus der Produktion der Mannstaedt-Werke stammten. Herbert Weffer: Östlich von Bonn, Bonn 2001, S. 185.

Die Wohnblöcke rahmen an der Kreuzung beider Straßen mit leicht vorspringenden Eckhäusern und Erkern im Obergeschoss die Eingangssituation zur Elisabethstraße. Auffällig sind dort die roten Mansard-Walmdächer, die ein drittes Wohngeschoss ermöglichten. Auch der Übergang in die ältere Bebauung der Elisabethstraße wird von vorspringenden Eckhäusern markiert.

Mehrfamilienhäuser der zweiten Bauphase in der Landgrafenstraße.

Die Wohnungen hatten jeweils eine Wohnküche und eine eigene Toilette zur rückwärtigen Gartenseite und zwei Zimmer zur Straßenseite. Es wohnten vermutlich jeweils drei Parteien übereinander. Einige, aber nicht alle Wohnparteien verfügten über einen kleinen Stall im Garten. Im Erdgeschoss gab es Innen-Loggien zur Gartenseite, die mit der Wohnküche in Verbindung standen. Bis etwa 1975 befanden sich die Häuser im Eigentum der Mannstaedt-Werke. Nach dem Übergang in Privateigentum wurde das zuvor einheitliche Erscheinungsbild durch individuelle Modernisierungs-Maßnahmen beeinträchtigt.

Ursprünglich erhaltenes Türblatt in der Elisabethstraße.

Die Mehrfamilienhäuser der zweiten Bauphase wurden 2007 unter Denkmalschutz gestellt. Die Fachleute der Denkmalpflege beurteilten die gesamte Siedlung – einschließlich der Elisabethstraße – aufgrund „ihrer architektonischen Einheitlichkeit und ihrer städtebaulichen Geschlossenheit“ 2012 als einen erhaltens- und schützenswerten Denkmalbereich. Der Stadtrat hat eine Denkmalbereichssatzung für das gesamte Ensemble bislang nicht beschlossen. Eine solche Satzung wäre sinnvoll, um das historische Erscheinungsbild der Siedlung stimmig zu bewahren.

Text und Fotos: Detlef Stender, Stand 2025

Adressen: Elisabethstraße 1-38, Landgrafenstraße 17-35, Troisdorf-Oberlar

Weitere Informationen:

Kierdorf, Alexander: Troisdorf – Einleitung, in: Buschmann et al.: Siedlungen in Nordrhein-Westfalen. Rheinschiene. Band 2. Petersberg 2020, S. 1237ff.

Kierdorf, Alexander: Werkssiedlung Elisabethstraße, 1907-1922, Troisdorf-Oberlar. In: Buschmann et al.: Siedlungen in Nordrhein-Westfalen. Rheinschiene. Band 2. Petersberg 2020, S. 1242-1246

Werling, Michael: Das historische Bauelement „Fenster“. Ein Beispiel für den Anspruch denkmalpflegerischen Bemühens in der Stadt Troisdorf. In: Troisdorfer Jahreshefte 2016, S. 68-74

Werling, Michael: Beiträge zur Elisabethstraße (Kappeskolonie) in Troisdorf-Oberlar. In: Troisdorfer Jahreshefte 2016, S. 75-85